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Im deutschen Reich · 1901-04-01 · Heft 4 (April 1901) · p. 202

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
7 (1901)
Issue
Heft 4 (April 1901)
Article
Wissenschaft oder Gefühlsäußerung?
Date
1901-04-01
Page
202 (sequence 6)
Language
German
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202 Im deutschen Reich. historischen Schicksale als auf ihre Stammeszugehörigkeit zurückzuführen sei. In der That dürfte Chwolsons Schilderung der Semiten auf die polnischen Juden gemünzt sein. Sie verfolgte offenbar in erster Linie den Zweck Chwolsons neuen Glaubensgenossen einen Beweis davon zu geben, daß er mit den ftüheren in keiner Weise sympathisiere. Natürlich klingt es aber wissenschaftlicher, wenn man aus die Semiten, als auf die polnischen Juden schimpft! Wie kann man aber ernstlich von den Babyloniern und Assyrern, die doch stets zu den Semiten gerechnet werden, sagen, daß ihk „spitzfindiger Verstand" „alle Mythologie und alles Epos ausgeschlossen" habe, da doch die Forschung zahlreiche diesen Völkern gehörige mythologische Erzählungen, sowie Bruchstücke eines babylonischen Epos entdeckt hat? Was für ein Unsinn ist es auch von den Arabern, den einzigen Semiten, bei denen Blutmischung mit anderen Stämmen nicht nachweisbar ist, zu behaupten, daß ihr Ideal nicht in erster Linie die Tapferkeit, sondern die weise Gerechtigkeit sei.^) Aber selbst wenn man jene Schilderung Chwoljons auf die Juden beschränkt, ist ihre Unrichtigkeit leicht nachzuweisen. Wer möchte wohl, wenn er in der Bibel die Geschichte von Simson (Richter 13—16) liest, sagen, daß das Judenthum geistige Eigenschaften stets gegenüber körperlicher Kraft und Gewandheit überschätzt habe? Man kann wohl geradezu behaupten, daß so wichtig die Verschiedenheit zwischen weißer, gelber und schwarzer Rasse für alle Elemente des Kulturlebens, also auch für die Bolkswirthschaft ist, der Versuch mißglücken mußte, auch die Begriffe Jndogermanen, Semiten und Hamiten in gleicher Weise zu verwenden. In rer That sehen auch viele neuere Anthropologen und Ethnologen, wie von Luschan, Reinach, Robert Hart mann,?) Uifalvy von diesen Begriffen ab, welche lediglich für die Verbreitung von Sprachgruppen geschaffen sind. Wie noch heute manche Eigentümlichkeiten von Volksdialekten in ihren Grenzen von der Herkunft der Betheiligten ganz unabhängig sind,3) so wird dasselbe auch zur Zeit der Entstehung der ältesten uns bekannten Sprachen und Sprachfamilien der Fall gewesen sein. *) Vgl. z. B. Wellsted Reisen in Arabien, .übers, von Rödiger I, (1842), S. 240. 2) Dieser stimmt in seiner Schrift „Die Negritier" (1885), S. 185, Note 2 einem älteren Forscher zu, der die „Arier" als eine Erfindung der Studierstube und kein Urvolk betrachtet. 3) Vgl. z. B. Hermann Fischer, -Geogr. d. schwäb. Mundart (1895) S. 87.

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