Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 4 (April 1901)
- Article
- Urtheile über den Prozeß Moritz Levy
- Date
- 1901-04-01
- Page
- 193 (sequence 2)
- Language
- German
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Urtheile über den Prozeß Moritz Levy. 193 gekannt. Der Schlächtergeselle wurde verhaftet, des dreifachen Meineides angeklagt und von den Geschworenen nach ganz kurzer Berathung schuldig gesprochen. Als „ein Kulturbild und ein Bild deutscher forensischer Sitten am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts" wird in.dem Artikel der „Zukunft" die Hauptverhandlung im Prozeß Moritz Levy treffend bezeichnet und dem Charakterbild des ermordeten Ernst Winter, das nach den Ergebnissen jener Verhandlung entworfen ist, werden unbefangene Beurtheiler eine gewisse Aehnlichkeit kaum absprechen können, wenn auch „im Plaidoyer der Schatten Winters als der eines unschuldigen Jünglings" austauchte. Es heißt dann weiterhin wörtlich: „Dieses Plaidoyer.war überhaupt merkwürdig. Die Preußenfeier und der Hohe Orden vom Schwarzen Adler wurde darin erwähnt; Lord Roberts nicht, aber um so öfter der Herrgott. Auch von sich selbst sprach der Erste Staatsanwalt ungewöhnlich viel. „WaS in meinen bescheidenen Kräften steht, will ich versuchen, um dieser Verbrechen aufzuklären/ „Ich bin ein völlig unparteiischer Mann und decke diese Dinge auf, gleichviel, ob sie von jüdischer oder von der entgegengesetzten Seite kommen." „Ich führe eine kühne Sprache und weiß genau, daß ich alle möglichen Angriffe zu gewärtigen habe." „Ich führe den Kampf mit regulären Waffen, nicht gemeinsam mit jenen Schlachtenbummlern." „Die gegen mich und die Behörde gerichteten Angnffe, von welcher Seite sie auch kommen mögen, weise ich zurück." „Ein königlich preußischer Staatsanwalt kennt keine Furcht". Kein Wort streift die dem Angeklagten günstigen Ergebnisse der Beweisaufnahme; der Staatsanwalt muß sie also für unerheblich halten. Auch der Vorsitzende verbirgt nicht, daß er in Levy einen Schuldigen, schon lieberführten sieht. Es ist derselbe Landgenchtsdirektor, der den jetzt Angeklagten als Zeugen verhaften ließ. Er halt die Vertheidiger fest im Zügel. Von ihrem Fragerecht dürfen sie nur den allerbescheidensten Gebrauch machen, und jedes auf Wahrnehmungen, Eindrücke und Kritik deutende Wort wird ihnen als „nicht hierher . gehörige Deduktion" abgeschnitten. Der Vorsitzende aber läßt die vor ihm sitzenden Laienrichter seine Eindrücke deutlich sehen. Dreier Zeuginnen Aussagen sind nicht zn vereinen. Zwei Judenftaulein beschwören, sie seien nie mit Winter und Levy zusammengewesen; ein christliches Dienstmädchen beschwört, es habe Winter und Levy in der Gesellschaft der beiden Jüdinnen gesehen. Alle Drei bleiben unerschütterlich bei ihren Aussagen. Schließlich fragt der Vorsitzende die Christin — nur sie —, ob sie unter Anrufung des allmächtigen und allwissenden Gottes noch immer behaupten könne, die Wahrheit gesagt zu haben. Antwort: Ja. Wirkung auf die