Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 4 (April 1901)
- Article
- Urtheile über den Prozeß Moritz Levy
- Date
- 1901-04-01
- Page
- 192 (sequence 1)
- Language
- German
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19i Im deutschen Reich. Hlrtheite über den Prozeß Woritz Levy. bekannter freisinniger Schriftsteller, R. Elcho hat in der f'|v^ „Volkszeitung" das Gelächrer, in welches die den Gerichtsfaal in Könitz füllende Menge bei der Verurteilung des jüdischen Schlächtergesellen Moritz Levy ausbrach, als „das Schauerlichste in der Gerichtstragödie" und als einen Beweis dafür bezeichnet, „daß die Rohheit so unausrottbar ist wie der Aberglaube." Aehnlich wird in einem Leitartikel der Wochenschrift „Die Zukunft" der Jubel jener Konitzer beurtheilt, die am 16. Februar zugegen waren, als ein „junger bisher unbescholtener Mensch" dazu verdammt wurde „vier Jahre im Zuchthaus zu faulen" und dann noch vier weitere Jahre der bürgerlichen Ehrenrechte beraubt zu sein. Der christliche Verfasser jenes „Zukunft"-Artikels giebt sicher nur den Gedanken Ausdruck, die schon in der Gegenwart viele menschlich empfindende Gemüther angesichts solcher grausamen Verblendung bewegen, wenn er sagt: „Die so thaten, waren gewiß nicht weniger fromm als der Vorsitzende und der Staatsanwalt, die den lieben Gott recht häufig in den Schwurgerichtsfaal bemühten. Doch stärker als das mitleidige Regung heischende Christengefühl war in ihnen wohl der Haß gegen den Misfethäter. Der war früher zwar im Städtchen beliebt gewesen, eines, jüdischen Schlächtermeisters Sohn, der dem Vater als Geselle half, beim Bierfkat feinen Mann stand, durch gesellige Talente in der Kneipen und am Familientisch sich hervorthat und von den Mädchen, auch den rein arischen, recht gern gesehen ward. Diese behagliche Stellung; verlor er erst nach der Ermordung des Gymnasiasten Ernst Winter. Auf die Schlächterfamilie Levy wurde seitdem mit anklagendem Finger gewiesen; sie habe, hieß es,. Ernst Winter in ihren Fleischkeller gelockt und, um sich Christenblut zu verschaffen, nach allen Regeln des Ritus geschachtet. Und als nun in einem der Konitzer Prozesse Moritz Levy als Zeuge vernommen und gefragt wurde, ob er Winter gekannt habe, da schwor er: Nein, ich habe ihn nicht gekannt. Noch zweimal wurde er unter dem Eide danach gefragt; immer wiederholte er: Nein; es ist nicht unmöglich, daß ich mit ihm, wie mit vielen Gymnasiasten, mal gesprochen habe; bewußt aber habe ich ihn nicht