Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 3 (März 1901)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1901-03-01
- Page
- 163 (sequence 9)
- Language
- German
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Umschau. 163 Freiheit ihrer Bewegung, die volle Glaubensfreiheit haben muß. Ich habe daraus bisher noch nicht die Konsequenz gezogen, daß jede Konfession gezählt werden müsse, und daß jede eine ihrer Volkszahl ziffernmäßig entsprechende Betheiligung an der Beamtenschaft haben müsse. Sobald wir den Staat in konfessionelle Stücke schneiden, an welchem jede Konfession ihren verhältnißmäßigen Antheil haben muß, so kommt auch noch die ganz beträchtliche Kopfzahl der jüdischen Bevölkerung in Betracht, deren Mehrheit sich ja durch besondere Befähigung und Intelligenz für Slaatsgefchäfte auszeichnet." Auf diesen StandpunktdesFürsten Bismarck, der nicht philosemitisch, sondern nur echt staatsmännisch und logisch richtig ist, wird die Regierung zurückkommen müssen, und das Centrum kann sich kaum verhehlen, daß die logische Konsequenz des sogenannten „christlichen Staates" in Preußen der für die Katholiken kaum wünschenswerthe nichtparitätische „protestantische Staat" ist. Der richtig konstruierte Staat hat von allen Bürgern die Erfüllung gleicher Pflichten zu forden und dafür allen ohne Unterschied der Religion gleiche Rechte zu gewähren. Er wird nicht umhin tonnen, die tüchtigsten Kräfte zu benutzen, gleichviel wo er sie findet, und sich derWallcnstein'schen Maxime anschließen müssen: „War sonst der Mann nur gut; ich pflegte nach dem Katechismus nicht zu fragen!" „Das wird nun anders werden künftighin," heißt es freilich weiter in Schillers „Wallenstein", und dies mögen auch die Antisemiten der verschiedensten Kategorien in Preußen hoffen. Sie vergessen aber, daß nicht nurcksio Ausbrüche der Gesinnungsrohheit und die stete Steigerung der antisemitischen und agrarischen Ansprüche, sondern weit mehr noch die mit der intoleranten Vcrwaltungspraris in anderen - Staaten gemachten traurigen Erfahrungen die preußische Staatsregierung davor warnen, sich von der antisemitischen Fluthwelle noch weiter treiben zu lassen. Die Vorgänge in Oesterreich-Ungarn werden von den leitenden deutschen Staatsmännern sicher mit größter Austnerksamkeit überwacht; es kann ihnen nicht entgehen, daß in der cisleithanijchen Hälfte der österreichijch-ungarischen Monarchie der Antisemitismus eine unbeschreibliche Zerklüftung in politischer und sozialer Beziehung und einen beständigen wirthjchaftlichen Niedergang herbcigeführt hat, der besonders den deutschen Theil der Bevölkerung lehr hart trifft. Dagegen hat die duldsamere Verwaltung in der transleithanischen Hälfte der Monarchie nicht nur der Hauptstadt Budapest auf Kosten Wiens zu einem ungeahnten Aufschwung verholfeu, sondern dem ganzen Lande zum Vortheil gereicht. Die Zahl der ungarischen Antisemiten ist deshalb sehr zusammengeschmolzen; einer ihrer ehemaligen hervorragendsten Führer