Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 3 (März 1901)
- Article
- Die jüngsten Judendebatten im Abgeordnetenhause
- Date
- 1901-03-01
- Page
- 131 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316676-2316680-2327441--07894-2327518- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die jüngsten Judendeöatten im AbgeordneLenhause. 131 gesagt; nur ist die Thatsache damit nicht aus der Welt zu schaffen, und wenn der Staatsanwalt meint, nicht bloß die antisemitischen Zeitungen,. sondern auch die jüdischen hätten zur Verhetzung und zur Verirrung beigetragen, so möchte ich wissen, ob wirklich von dem Zeugen- und dem Geschworenen-Material irgend einer eine jüdische oder auch nur eine liberale Zeitung gelesen hat. (Sehr gut!) Der Staatsanwalt sagt, es seien and) von der anderen Seite Unschuldige angegriffen worden. Ja gewiß, auch Hoffmann ist angegriffen worden, und wenn er unschuldig ist - ich habe für seine Schuld keine Beweise — so thut er mir ebenso leid, wie mir jeder andere unschuldig Angegriffene leid thut. Aber der Staatsanwalt sollte, das nicht den Juden zum Vorwurf machen. Er ist gefragt worden, ob die Behörde nicht aus ihrer eigenen Initiative gegen Hoffmann eingeschritten sei! Er hat die Beantwortung dieser Frage abgelehnt. Bei den Verhandlungen im Abgeordnetenhaus hat der Abgeordnete Rickert den charakteristischen Vorgang erzählt, daß Herr Hoffmann, Mit dem wir so lange Sympathien haben konnten, so lange man ihn für unschuldig verfolgt hielt, in seiner Vertheidigungsschrift den Lewy, mit dem er früher befreundet gewesen ist, des Mordes bezichtigt habe. Und als er vernommen und befragt wurde, welche Beweise er dafür habe, daß Lewy der Mörder sei, da hat er erklärt: „Nun, das sagt man doch in Könitz allgemein!" Der vernehmende Beamte, soll ihm darauf erwidert haben: „Und darauf hin beschuldigen Sie ihn des Mordes!" Ich habe den Eindruck, als ob Lewy unter dem Verdacht des Mordes wegen Meineids verurtheilt ist, obwohl an und für sich der Oberstaatsanwalt erklärt hat, es sei die Familie Lewy rein aus dem Prozeß hervorgegangen, und obwohl auch der Minister das bei der Beantwortung der Interpellation erklärt hat. Doch meine Zeit ist abgelaufen — ich möchte auch die Konitzer Frage verlassen. Ihr innerer Zusammenhang mit der Notariatsfrage liegt im Terrorismus der antisemitischen Agitation; unter diesem leidet das Vaterland und die Verfassung; die Rechtspflege wird durchkreuzt; und wenn es wahr wäre, daß auf beiden Seiten gesündigt wird, wenn man berechtigt wäre, für das Vorgehen einzelner Privatdetektivs die gesanunte Judenheit verantwortlich zu machen, so hatte die Staatsverwaltung erst recht allen Anlaß dazu, gegen die antisemitische Agitation einzuschreiten; denn sie ist es gewesen, welche eine Sache, die eine , reine Rechtsfrage gewesen ist, zur Parteisache gemacht; ihre Agitation hat zur Gegenagitation herausgefordert. Indem sie die Beschuldigung des Mordes gegen „die Juden" erhob, hat sie die Juden mit aller Gewalt in die Defensive hineingedrängt. Man lese nur