Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 7 (1901)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1901)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1901-02-01
- Page
- 85 (sequence 5)
- Language
- German
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Umschau. 85 offenherzigen ministeriellen Aeußerungen haben wenigstens das Gute, daß sie massenhafte Stimmen wachrufen, welche die maßgebenden Kreise darüber belehren, daß diese den Einfluß der antisemitischen Schreier weit überschätzt haben und daß für sie gar kein Grund vorhanden ist, sich von Leuten terrorisieren zu lassen, deren Anhang keineswegs imponierend ist. Den Antisemiten mußten die ihrem Gedankengang ähnlichen, ministeriellen Aeußerungen selbstverständlich große Befriedigung gewähren; sie haben sich auch beeilt, die Auftoüung der Judenfrage im preußischen Abgeordnctenhause durch ein Nachspiel im deutschenReichstage fortzusetzen. Trotzdem der Staatssekretär Nieberding dem antisemitischen Abg. Bindewald gegenüber erklärte, daß eine Besprechung des traurigen Konitzer Falles ins preußische Abgeordnetenhaus gehöre, wo die Minister in entsprechender Weise antworten würden, hat auch der Abg. Liebermann von Sonnenberg in stundenlangen Reden die Tribüne des deutschen Reichstages dazu mißbraucht, seine judenfeindlichen Phantasien über die bisher noch nicht enträthselte Konitzer Affaire zum Ausdruck zu bringen, und die vornrtheilslosen Ehrenmänner zu verhöhnen, welche davon überzeugt sind, daß der Mörder Winters längst entdeckt wäre, wenn es nicht im Interesse der Antisemiten läge, die Ritualmord-Lüge möglichst vielen Leuten einzuimpfen. Der Fall in Könitz würde sich in keiner Weise von vielen andern unglückseligen Knminalfällen unterschieden haben, wenn nicht schon vor der Ermordung Winters die Bevölkerung des ganzen Konitzer Kreises durch antisemitische Wanderredner .massenhafte Dertheilung von Ritualmordlügen- Broschüren und blutrünstigen Bilderbogen für die Drachensaat des judenfeindlichen Nebentribunals empfänglich gemacht worden wäre, welches sich unmittelbar nach der geheimnißvollen Frevelthat etablierte. Wäre Ernst Winter nicht das Opfer irgend eines seiner Abenteuer geworden, so hätte irgend ein Lustmord der nur auf eine günstige Gelegenheit zur Hetze wartenden judenfeindlichen Clique dieselben Dienste geleistet. Wie der Redner des Centrums im Reichstage mit Recht betonte, haben die Behörden in: Konitzer Kreise ihre Schuldigkeit gethan; ob aber nicht vorher im Verwaltungswege die Hetzarbeir hätte verhindert werden können, deren beklagenswerthe Folgen der gan;e Kreis noch lange zu büßen haben wird, bleibt eine offene Frage. Die gemachten Erfahrungen sollten wahrlich dazu diem u, die Verwaltung davon abzuhalten, sich von trüben-Strömungen, die nur scheinbar „das Interesse der Bevölkerung" darstellen, treiben zu lassen, statt sie in friedliche Bahnen zu lenken oder so energisch einzudämmen* daß sie nicht die Früchte jahrelanger Friedensarbeit zerstören.