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Im deutschen Reich · 1901-02-01 · Heft 2 (Februar 1901) · p. 84

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
7 (1901)
Issue
Heft 2 (Februar 1901)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1901-02-01
Page
84 (sequence 4)
Language
German
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84 Im deutschen Reich. Aeußerung Zu schreiben: „Wir haben keine Ursache hieran zu zweifeln, denn in den Kreisen der englischen Königsfamilie ist ja der Philo» semitismus zur seltenen Blüthe gelangt". Diese Politiker verkennen vollständig, daß es sich jetzt gar nicht mehr um Antisemitismus und Philosemitismus handelt, sondern um den Kultur- und Rechtsstaat, um Treu und Glauben, daß jetzt zu wählen ist zwischen einem verfasiungs- und gesetzmäßigem Handeln und einem System, bei welchem dieses umgangen wird. Eine Regierung, welche den doch nur künstlich erzeugten, augenblicklichen Strömungen zu Liebe Kulturerrungenschaften gefährdet, zersägt den Ast, auf dem sie selbst sitzt! Als der Justizminister Schönstedt erklärte, daß das Interesse der Bevölkerung darüber entscheide, wie weit die Verfassungsbestimmungen Wahrheit werden oder auf dem Papier bleiben sollen, ermunterte er — sicher unabsichtlich — ein ganzes Heer von Strebern, ihre Interessen auf Kosten von Verfassung und Gesetz geltend zu macken. Die Gleichheit aller vor dem Gesetz ist die Grundlage des modernen Staates; Neigungen und Abneigungen einzelner Theile der Bevölkerung können und dürfen bei Beobacktung der Gesetze nicht maßgebend sein, sonst kommen wir zu gesetzlosen, zu anarchistischen Zuständen. Wenn wirklich in anderen Ressorts der Verwaltung jüdische Assessoren in Preußen fast gar nicht mehr Anstellung finden, wie der Justizminister öffentlich behauptet hat, ist dies gewiß keine Entschuldigung für die Justizverwaltung, sich an einer Praxis zu bethekligen, deren Gesetzwidrigkeit gerade ihr nicht zweifelhaft sein kann. Die stürmischen Proteste, welche das offene Zugeständniß einer solchen fehlerhaften Praxis hervorgerufen hat, werden hoffentlich nicht verhallen, sondern den Bruch mit einem System herbeiführen, das thatsächlich seit Jahrzehnten vorhanden war, ohne so offen zu Tage zu treten. Als kürzlich der Handelsminister Brefeld im preußischen Abgeordnetenbause die Aeußemng fallen ließ, die Kohlen-Großhändler seien für die fiskalischen Gutsverwaltungen „ein nothwendiges Nebel", antwortete der in seiner Ehre verletzte Inhaber der Firma Caesar Wollheim sofort mit der Kündigung der Verträge, und aus industriellen Kreisen wurden zahlreiche Stimmen laut, welche nicht nur das von dem Kommerzienrath Arnhold der Ehre des Handelsstandes gebrachte enorme finanzielle Opfer freudig anerkannten, sondern auch darüber keine Zweifel ließen, daß das Eindringen antisemitischer Anschauungen in die Verwalturgskreise keineswegs in industriellen Kreisen als etwas betrachtet wird, was den Frieden und die Wohlfahrt des gesammten Volkes fördern kann. Die

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