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Im deutschen Reich · 1900-12-01 · Heft 12 (Dezember 1900) · p. 663

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
6 (1900)
Issue
Heft 12 (Dezember 1900)
Article
R. J. Berlin
Date
1900-12-01
Page
663 (sequence 3)
Language
German
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Briefkasten der Redaktion. 663 so gelangen wir zu einem Judo- Germanismus, in dem jedenfalls mehr Kern und mehr Wahrheit steckt, als in der verlogenen Hosschranzenlehre des C h r i ft o - Germanismus, oder der sogenannten „christlichgermanischen Weltanschauung". Und nicht blos mehr Kern und Wahrheit: Vor allem auch mehr Freiheit. Der Juden gott Jehovah und die Juden Helden, voran die Makkabäer, stnd es gewesen, die einen C r o m w e l l zum Befreiungskampf anstachelten — wohingegen im Namen des Christenthums nie ein Freiheitskampf der Völker geführt worden, wohl aber unzählige Kämpfe zur Unterdrückung der Völker. Das einzige Land, in welchem der Freiheitskampf des Volkes einen religiösen Charakter trug, ist England — und in England war es nicht das Neue Testament, das den Kämpfern das geistige Rüstzeug lieferte, sondern das Alte Testament. Die englische große Revolution in der Mitte des 17. Jahrhunderts — nicht mit der Spießbürger-„Revolution" zu Ende desselben zu verwechseln — war das That gewordene und auf die politische Bühne gebrachte Buch der Makkabäer. Die Geschichte der Juden nach der Zerstörung des jüdischen Staats und der Zerstreuung des Judenvolks über die Erde war für mich schon in frühester Jugend ein Rüthsel gewesen und ein Wunder; mit wahrhaftem Grausen hörte ich als Kind von den gräßlichen Judenverfolgungen des Mittelalters, von der entsetzlichen Rohheit und Barbarei, welche die Christen wegen unmöglicher, nur dem blödesten Stumpfsinn und blindestem Vorurtheil glaubhaften Verbrechen an Juden bethätigt haben. Wenn ich nun sah, wie Männer, in denen mein junges Herz die edelsten und tapfersten Vorkämpfer der Freiheit verehrte — ein Börne, ein Johann Jacoöy Juden waren, so übertrug sich unwillkürlich die Verehrung für diese Männer auf ihre Rasse. War hierin etwas von Schwärmerei, so mußte doch auch die reifere Kritik späterer Jahre sich vor der Thatsache verneigen, daß für das Wohl und die Freiheit der Menschen, für Kunst, Literatur, Wisienschaft von den Juden im Verhältniß zu ihrer Zahl mehr geleistet worden ist, als von irgend einem andern Volke. Ich erklärte mir schon früh diese Erscheinung daraus, daß der durch zweitausendjahrige Unterdrückung erschwerte „Kampf urn's Dasein" die geistigen Fähigkeiten der Juden außerordentlich geschärft und die kräftigeren Geister, die sich nicht biegen, nicht brechen ließen, zu revolutionärem Kampf gegen Unterdrückung und Unrecht gedrängt hat. Nicht daß ich meine Augen den Fehlern der Juden verschlossen hätte. Allein diese Fehler sind, wie die Tugenden, das natürliche Produkt der Unterdrückung. In dem Umstand, daß die Juden durch ihre politische und soziale Aechtung und durch das Verbot der Ausübung „ehrlicher" Berufe zum Geld-

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