Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1900)
- Article
- R. J. Berlin
- Date
- 1900-12-01
- Page
- 662 (sequence 2)
- Language
- German
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Im deutschen Reich. £62 & So. in Hamburg erschienenen „Neuen Welt-Kalender für 1901" veröffentlicht wird. In jenem Artikel erzählt Wilhelm Liebknecht Folgendes wörtlich: „In Leipzig, wo sich der Kampf um's Dasein anfangs recht schwierig gestaltete, war es besonders eine Familie — die eines Kaufmannes Eppstein, den ich im Leipziger Arbeiterbildungsverein durch Bebel kennen lernte — die mir freundlich entgegenkam und zur Ausübung der Lehrthätigkeit behilflich war. Es waren Juden. Den Dank, den ich ihnen schulde, habe ich dadurch abzutragen gesucht, daß ich der niederträchtigsten und rohesten „Hetze", welche in neuerer Zeit zu den gemeinsten Zwecken in Scene gesetzt ward, ich meine die „ I u d e n h e tz e " , mit aller Kraft entgegengetreten bin. Gießen, meine Geburtsstadt, liegt in der Nähe und in der Einflußsphäre von Frankfurt am Main, einer Stadt, in welcher die Juden seit einem vollen Jahrhundert eine geachtete, ja beinahe gebietende Stellung einnehmen. Diesem Umstand und der Aufgeklärtheit meiner Erzieher mag es zuzuschreiben sein, daß ich auch in meiner Kindheit kein Vorurtheil gegen die Juden einsog. Eine Judenfamilie, die uns gegenüber wohnte und mit meinen früh verstorbenen Eltern besreundet gewesen war, lud mich öfters zu sich ein — einmal zum Laubhüttenfest, welches einen tiefen Eindruck aus mich machte. Bald wurde ich noch mit anderen Juden bekannt und besreundet, und auch auf der Universität hatte ich Juden unter meinen besten Freunden. Ich rede hier nur von der Zeit, ehe ich durch die Verhältnisse zum Aktor auf der politischen Bühne gemacht wurde und in dem Juden Johann Iacoby ein verehrtes Vorbild und in dem Juden Carl Marx meinen unsterblichen Lehrer kennen lernte. Als Fürst Bismarck vor 1878, um den Volkszorn ob des Großkornwuchers und der ganzen junkerlichen Raubpolitik von den wahren Schuldigen abzulenken, den Antisemitismus aus der modrigen Rüstkammer des Mittelalters hervorholte und Stöcker, den biederen Scheiterhaufenmann, auf die Juden losließ, da tauchten die frühesten Jugenderinnerungen in mir auf, und neben den politischen Erwägungen kamen auch meine persönlichen Spmpathien für die Juden zur Geltung. In England hatten sich diese Sympathien erweitert, vertieft und gewissermaßen eine wissenschaftliche Basis gewonnen. D i s r a e l i, von allen englischen Staatsmännern mir der intereffanteste, hat in seinen, literarisch wie politisch gleich bedeutenden, lange nicht nach Verdienst geschätzten Romanen die Theorie ausgestellt und genial verfochten, daß die Angelsachsen und Juden die zwei begabtesten und zur Weltherrschaft oder Weltregierung berufensten Raffen der Welt seien. Sagen wir statt angelsächsisch: germanisch.