Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1900)
- Article
- [Ohne Titel]
- Date
- 1900-12-01
- Page
- 658 (sequence 4)
- Language
- German
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658 Im deutschen Reich. werden. So groß der Verein bereits sei, brauche er doch immer noch viele Mitglieder und viele Mitkämpfer. Jetzt gelte es, nicht nur Schmach vom Judenthum abzuwenden, sondern auch vom deutschen Vaterlande, dem leider in der Weltgeschichte der Schimpf des Antisemitismus noch lange anhaften werde. — Nachdem sich noch mehrere Herren an der Diskussion betheiligt hatten, erfolgte der Schluß der Versammlung, in welcher der Verein wieder eine ansehnliche Zahl neuer Mitglieder gewonnen hat. Die am 12. d. M. im Saale des „W endt' schen Central- Klub -Hauses", Königsgraben 14a, von den i n Berlins, wohnenden Mitgliedern veranstaltete Versammlung war ebenfalls sehr zahlreich besucht, sodaß der geräumige Saal bis auf den letzten Platz gefüllt war. Herr Zahnarzt M. L i p s ch i tz eröffnete die Versammlung mit einer kurzen Ansprache, worauf Herr Dr. O. W i e s e n t h a l in einem anderthalbstündigen Vortrage das Thema „Der Mord in Könitz und die Antisemiten" behandelte. Der Redner wies zunächst darauf hin, wie tief in manchen Bevölkerungskreisen der Aberglaube wurzele und wie leicht es deshalb sei, solche Kreise derartig zu fanatisieren, wie dies in Könitz geschehen sei. In treffender Weise zeichnete der Vortragende das Milieu, in welchem der Ritualmordwahn schon vorhanden war, als der traurige Winter'sche Fall sich ereignete, deffen sich die Antisemiten sofort bemächtigten, um die Juden der Urheberschaft zu bezichtigen und die That selbst als eine Folge geheimer religiöser Vorschriften zu bezeichnen. Hierbei habe sich die Richtigkeit des Satzes gezeigt: „Ist es gleich Wahnsinn, hat es doch Methode!" Von dem Vortragenden wurde in lichtvoller Weise erörtert: wie sich in Könitz ein Nebentribunal aufthat, in ungebildete Leute das hineinzuexaminieren, was man zu hören wünschte, wie die ausgesetzte hohe Belohnung eine ganze Reihe bedenklicher Zeugen anlockte, wie selbst einzelne Geistliche und Lehrer im Gegensatz zu ihrer Friedensmission die Gemüther aufreizten, wie der Herausgeber der „Staatsbürger-Ztg." die traurige Angelegenheit zu geschäftlichen Zwecken ausnutzte, wie die rücksichtslos ausgeübten Suggestionen den Gang der behördlichen Untersuchungen verwirrten, wie das Treiben hetzerischer Wanderredner den bürgerlichen Frieden beständig auf's Tiefste untergrub, wie die fanatisierte Bevölkerung an vielen Orten des Konitzer KreiseS sich zu Ausschreitungen verleiten ließ, wie in Könitz selbst militärisches Einschreiten nöthig wurde, wie in einer Reihe von sensationellen Prozeffen sich die Zeugenaussagen in. wunderbarster Weise durchkreuzten u. cu tn. — sodann wurde von dem Vortragenden das