Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-12-01
- Page
- 639 (sequence 7)
- Language
- German
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Umschau. 639 verurtheilt, weil ihm Aeußerungen nachgewiesen wurden, die durchblicken ließen, daß die Behörden im Interesse der Juden nach der einen oder anderen Richtung hin nicht jede Spur verfolgt hätten. Nur mit Rücksicht auf die unter der Bevölkerung herrschende Erregung wurden dem Angeklagten mildernde Umstande zugebilligt und von einer Freiheitsstrafe abgesehen. Weit schlimmer erging es dem Privatschreiber Paul Orda in Kattowitz, der dort eidlich bekundet hat, er sei am 11. März in Könitz gewesen und habe gesehen, wie Winter von zwei Männern, anscheinend Juden, überfallen und in einen Wagen geschoben wurde, der dann schnell davongefahren sei. Einer der Männer hätte den anderen Jsraelski gerufen. Die angestellten Ermittelungen ergaben, daß die Angaben Orda's erfunden waren, da er am 11. März in Zawodzie bei Kattowitz einen Halbpaß gelöst hatte, und daraufhin verurtheilte das Kattowitzer Schwurgericht den Orda wegen wistentlichen Meineids zu fünf Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust. Sollte der armselige Mensch durch die wahnwitzigen und aufreizenden Artikel antisemitischer Blätter in eine Art von Geistesverwirrung verfallen und zur falschen Aussage getrieben worden sein, dann wäre er nur eines der vielen Opfer, die der Antisemitismus täglich fordert. Bon diesen bedauernswerthen Opfern der antisemitischen Suggestion schrieb die Londoner „Times" anläßlich des Masloff - Prozesses: „Es ist eine Satire auf die gerühmte Intelligenz und Civilisation Preußens und Berlins, daß dort Zeitungen und Politiker gefunden werden sollten, die so barbarische Vorstellungen hinsichtlich einer Klaste ihrer Mitbürger hegen." Hierin Wandel zu schaffen, nicht nur zum Schutze des zumeist gefährdeten jüdischen Bestandtheils der deutschen Bevölkerung, sondern zur Rettung großer Kultur-Errungenschaften und zur Wiederherstellung des innern Friedens der gesummten Bevölkerung, wird als eine Ehrenpflicht der Regierung anerkannt werden muffen. Der neue Reichskanzler, G r a f von Bülow, hat am 5. Dezember im deutschen Reichstage die Erklärung abgegeben: ,Ljch bin durchaus für die Gleichberechtigung der Religionsgemeinschaften" und er ist wohl der Mann dazu, sich weder durch erheuchelte loyale Phrasen darüber täuschen noch durch terroristische Bramarbasierungen der Antisemiten irreführen zu lasten, sondern er wird über diese kaum anders denken wie Graf Caprivi. Wie richttg dieser die verkappten Anarchisten beurtheilte, zeigt sich gerade in neuester Zeit, wo diese bei der gehässigsten Beurtheilung der auswärtigen Politik des Deutschen Reiches selbst nicht davor zurückschreckten, ihre Giftpfeile