Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-12-01
- Page
- 634 (sequence 2)
- Language
- German
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634 Im deutschen Reich. Verhetzung des Mittelstandes erwachsen. Die politische und moralische Brunnenvergiftung durch den Antisemitismus ist bisher ganz ruhig geduldet worden, trotzdem durch dieses bösartige Treiben die bisher gutgesinnten, gewerbetreibenden Schichten des Volks nach und nach unzufrieden und mißtrauisch und für wilde Umsturzgedanken empfänglich gemacht wurden. Die Folgen werden nicht ausbleiben, wenn Verleumdungen und Beschimpfungen als etwas Erlaubtes angesehen werden, wenn eine von dem Polizeilieutenant ausdrücklich als „fein" bezeichnete Zuhörerschaft den rohesten Ausdrücken Pückler's und seinen Aufforderungen zum „Hauen und Rausschmeißen" zujubelt, wenn allgemein die Vergröberung deS Tones und die Skrupellosigkeit der Mittel mehr und mehr zunehmen, wenn anrüchige Persönlichkeiten sich in den Vordergrund deS öffentlichen Lebens stellen und immer neue Vertrauenskundgebungen in Kreisen empfangen dürfen, die sich selbst zu den sogenannten „besieren" zählen. Hier ist Rhodus; hier müsien Richterstand und Verwaltung zeigen, daß sie wie der Fels im Meere stehen, an dem sich die schmutzigen Wogen einer Strömung brechen, welche jetzt das ganze politische Leben unterwühlt. Nicht nur das Judenthum ist durch diese Strömung bedroht; es hat im Mittelalter schlimmere Zeiten überdauert; aber diese angeblichen „Judengegner" zerrütten auch das gesunde Volksleben unseres deutschen Vaterlandes; sie zerstören seine herrlichsten Kultur-Errungenschaften; sie machen sogar den frevelhaften Versuch, ihr wüstes Treiben auch in den Hallen fortzusetzen, in welchen Recht gesprochen wird; gegen dieses ganze Gebühren muß jsich das Gefühl treuer Staatsbürger in gerechtem Zorn aufbäumen. Dort sollen sie ihr Gift nicht ausspritzen, denn die Rechtspflege und das Vertrauen des gesammten Volkes zu derselben bilden die feste Grundage des Staates. Wer daran rüttelt, ist der schlimmste, der gefährlichste Feind seines Vaterlandes! Die bedenklichste Erscheinung bei der traurigen Konitzer Affaire war wohl, daß das beleidigende Mißtrauen, welches' dort von judenfeindlicher Seite offen gegen die Untersuchungsbehörden sich lundgab, von Geistlichen und Lehrern ausging, denen eS doch ohne Weiteres klar sein mußte, wie traurigen Folgen es nach sich zieht, wenn das Vertrauen auf die richterlichen Behörden bei den breiten Schichten der Bevölkerung systematisch untergraben wird. Die Rolle, welche Oberlehrer Hoffrichter in der Konitzer „Nebenuntersuchungs-Kommission" gespielt hat, führte zu deflen Versetzung von Könitz, aber auch andere Mitglieder der Lehrerschaft' des Gymnasiums haben in der Winterffchen Mordsache eine Thätigkeit entwickelt, welche sie füglich den Kriminal-