Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-12-01
- Page
- 633 (sequence 1)
- Language
- German
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633 Umfcharr. x Hls die „Hydra der Verleumdung" wurde an GerichLsstelle das Treiben jener antisemitischen Angreifer bezeichnet, welche nicht davor zurückschrecken, beständig Mißtrauen gegen die gesummte Rechtspstege zu säen und in schnödester Weise selbst die höchsten richterlichen Behörden zu verdächtigen, wenn diese sich nicht von ihnen terrorisieren lasien. In dem Sternberg-Prozeß hatte die antisemitische „Staatsbürger-Ztg." Andeutungen veröffentlicht, die unverkennbar darauf abzielten, einen Oberstaatsanwalt und einen ganzen Senat des höchsten deutschen Gerichts der Begünstigung eines Angeklagten zu zeihen, der von dem erwähnten Organ der Rafleantisemiten wegen seiner „angeblichen" Abstammung für einen „Judensprößling" gehalten oder wenigstens ausgegeben wird. Diesmal war aber das Blatt an den Unrechten gerathen. Die Redakteure wähnten vielleicht in Folge der straflos gebliebenen vielfachen groben Aufforderungen zu Gewaltthätigkeiten des ihnen nahestehenden Grafen Pückler ebenso wie ihr gräflicher Freund jenseits von Gut und Böse zu stehen. Sie wurden in öffentlicher Sitzung vernichtend abgeführt; ihre Verdächtigungen wurden in den schärfsten Ausdrücken als Lügen bezeichnet und am Schluffe der schneidigen Erklärung hieß es: „Die Hydra der Verleumdung werden wir zertreten, und wenn ihr tausend Köpfe nachwachsen. Ihr Gift mögen sie verspritzen; uns Richter und Beamte werden sie nicht treffen können!" Offenbar ist das Maß zum Ueöerlaufen voll, denn dieser Angriff der Antisemiten auf die deutsche Justizverwaltung ist nicht der erste; ihm sind viele ähnliche Angriffe gegen den gesammten Richterstand vorausgegangen, weil die Anklagebehörde und die Vorsitzenden der Gerichtshöfe nicht dem Ideal der Konitzer und' Berliner Antisemiten entsprechen, die von Rechtsgleichheit nichts wiffen wollen, sondern eine „modisizierende" Gerechtigkeit zu fordern wagen. Wenn die deutsche Justizverwaltung sich tatsächlich dazu ermannte, die „Hydra der Verleumdung" zu zertreten, dann würde Deutschland als „Rechtsstaat" allen anderen Kulturstaaten als Vorbild dienen und im Deutschen Reiche eine neue Aera des bürgerlichen Friedens ihren Anfang nehmen. Das „Anwachsen der Sozialdemokratie" war bisher das rothe Tuch, welches die Verwaltung über die weit schlimmeren Gefahren täuschte, welche dem Staate aus der systematisch betriebenen antisemitischen