Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 11 (November 1900)
- Article
- Konitz
- Date
- 1900-11-01
- Page
- 598 (sequence 3)
- Language
- German
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698 3m deutschen Reich. haben, welche die Ermordung des Gymnasiasten Winter durch die Lewy's als fast fraglos feststehend erscheinen lassen würden. Masloff wollte auch gesehen haben, wie Lewy, sein Sohn Adolph und mehrere andere Personen in der Nacht nach dem Morde ein großes Packet nach dem See trugen, in dem später die Leichentheile des Winter gefunden wurden. Die Angeklagten, die sich bei ihren Aussagen in starke Widersprüche verwickelten, hatten sich darauf wegen wisientlichen Meineides vor dem hiesigen Schwurgericht zu verantworten. Die Verhandlung, welche sich wochenlang hinzog und durch die sich häusig total widersprechenden massenhaften Zeugenaussagen oft einen geradezu verwirrenden Eindruck machte, war ungewöhnlich reich an sensationellen Zwischenfällen. Besonderes Aufsehen erregte das Auftreten der alü Entlastungszeugin berufenen Frau Kreisschulinspektor Auguste Rohde, welche bekundete, daß sie am Mordtage um 11 Uhr Abends beim Heraustreten aus der Logenthür einen Geruch nach verbrannten Lumpen wahrgenommen habe. In der Synagoge habe sie ein Licht gesehen, welches nicht das Mondlicht gewesen sei. Bei der Vernehmung der Zeugin durch den Kriminalkommissar Wehn habe dieser das Licht mit dem Brennen der ewigen Lampe erklärt. Sie beklagte sich über Wehn, der ihr gesagt habe, daß die Untersuchung an dem albernen Märchen vom „Ritualmord" scheitere. Sie kaufe nur bei Hoffmann. Die sehr erregte Zeugin wollte sich gern vertheidigen, weshalb sie das ihr gehörige Taschentuch, das in der Nähe des Kopses gefunden wurde, nicht rekognosziert habe, jedoch schnitt der Präsident ihre diesbezüglichen Ausführungen kurz ab. Die von der „Staatsbürger- Ztg." gebrachte Mittheilung, daß neuerdings gegen neun jüdische Zeugen ein Strafverfahren wegen Meineids eingeleitet worden sei, erwies sich als absolut unwahr. Seitens des Anwalts der „Staatsbürger-Ztg." ist wohl eine Reihe von Denunziationen eingereicht worden, aber daß die Behörden diesen Denunziationen Folge geben würden, war kaum anzunehmen. In der Verhandlung am 9. November nahm der Erste Staatsanwalt Dr. Settegast das Wort zu seinem Plaidoyer, in welchem er auf die Unglaubwürdigkeit der Aussagen der vier Angeklagten verwies. Er resümierte sich im Anschluß an die Ansicht des Untersuchungsrichters Dr. Zimmermann dahin: Die ganze Geschichte ist ein Familienkomplot der Masloff, N.o ß und Genossen. Alle Angaben der Angeklagten sind unwahr und erlogen, dieAngeklagtenhabenalle vier in dieser Sache wissentlich unter ihrem Eide die Unwahrheit gesagt, um die ausgesetzte hohe Belohnung zu erlangen.