Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 11 (November 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-11-01
- Page
- 591 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- chapter
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2316602-2316663-2316674--07386-2326836- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Umschau. 691 dem gesetzlich ihr zustehenden Rechte Gebrauch machte, sich der Aussage zu entschlagen. Mit den widerlichsten, aus einem perversen Gehirn fließenden Phrasen wird dieser Umstand zu einem Plaidoyer für die Schuld des Angeklagten fruktisiziert. Dieser freche und ungeahndet gebliebene Eingriff in einen noch nicht abgeschloffenen Prozeß zählt gewiß zu den merkwürdigsten Thalsachen." Alle Gründe, die bei der Verhandlung von dem Vertheidiger Hülsner, Auredniczek in beredter Weise geltend gemacht worden sind, mußten bei der Strömung, welche in der dortigen Gegend vorherrscht, wirkungslos bleiben. Die Geschworenen in Pisek haben am 14. November die an sie gestellten Fragen wie folgt beantwortet: 1. Hauptfrage:✓ Ist Leopold Hülsner schuldig, die Agnes Hruza ermordet zu haben, und ist der Mord mit besonderer Tücke geschehen? Einstimmig Nein. 2. Hauptfrage: Ist L. Hülsner schuldig an dem Morde der Marie Klima mitgemirkt zu haben? Einstimmig Ja. 3. Hauptfrage: Ist Hülsner schuldig, den Josua Erbmann und Salomo Waffermann fälschlich des Mordes beschuldigt zu haben? Einstimmig Ja. Ist Leopold Hülsner entfernter Mitschuld am Tode der Hruza schuldig! 9 Stimmen I a, 3 Stimmen Nein. Das Gericht verurtheilte Leopold Hülsner zum Tode durch den Strang. Damit ist die Sache noch keineswegs beendet. Hülsner ist wahrlich kein würdiger Gegenstand der Sympathie, auch kaum als Jude zu betrachten, aber gerade deshalb wird er nicht berufen sein, als Märtyrer des Judenthums ein Opfer fanatischen PöbelwahnS zu werden. Als die traurige „Dreyfus-Affaire" in F r a n k r e i ch das Jntereffe der ganzen gebildeten Welt in Anspruch nahm, waren unendlich viele Angehörige anderer Kulturvölker der Ansicht, daß in ihren Ländern eine solche Befangenheit weiter Kreise in miLtelalterlichen Vorurtheilen nicht mehr möglich sei, daß derartige Vorkommniffe nur durch den Niedergang der wirthschaftlichen und politischen Verhältniffe in Frankreich erklärlich seien. Hoffentlich finden die „Könitz-Affaire* in Deutschland und die „Polna-Affaire" in Oesterreich doch noch einen solchen Abschluß, daß in anderen Kulturstaaten nicht diese traurigen Dorkommniffe in ähnlicher Weise wie jene Dolkskrankheit beurtheilt werden, deren traurige Folgen die jetzigenMachthaber der französischen Republik mit rühmenswert her Energie zu überwinden streben. Der französische Kriegsminister Andrse kümmerte sich nicht um das Gezeter der antisemitischen, nationalistischen und melinistischen Preffe, als er sechs Hauptleute der Artillerieschule von Fontainebleau versetzte, welche sich gegen die Anstellung deS jüdischen Hauptmanns Coblentz als 43*