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Im deutschen Reich · 1900-11-01 · Heft 11 (November 1900) · p. 585

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
6 (1900)
Issue
Heft 11 (November 1900)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1900-11-01
Page
585 (sequence 4)
Language
German
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Umschau. 685 denselben zu jubeln hätten. Im ersten Wahlgange zeigte ein erheblicher Rückgang der antisemitischen Stimmen, daß auch in dieser früheren Domän e der deutsch-sozialen Reformpartei die Stimmung sich sehr verändert hat. Die Stichwahl, bei welcher der gemeinsame Kandidat der Konservativen und des Bundes der Landwirthe unterlag, bewies nur, daß man in jener Gegend das spezifische Agrarierthum und die rückschrittliche konservative Strömung als das größere Uebel betrachtete. Daß der Sozialdemokrat Peus in dem ländlichen Wahlkreise Brandenburg-Havelland den Sieg über den Konservativen von Loebell davontrug, ist wohl ebenfalls darauf zurückzuführen, daß das Agrarierthum in manchen Gegenden gründlich abgewirthschaftet hat. Bei der Ersatzwahl im Kreise Wanzleben brachten die Sozialdemokraten ihren Kandidaten nicht durch; dort wurde ein nationalliberaler Fabrikant gewählt; die Sozialdemokratie kann fich aber offenbar bei Wahlen keinen besseren Gegenkandidaten wünschen als Antisemiten oder Agrarier strengster Observanz. In dem durch den Tod Liebknecht' s erledigten sechsten Berliner Wahlkreis scheinen die Sozialdemokraten eines glänzenden Sieges über den Antisemiten Ulrich im Voraus so sicher gewesen zu sein, daß sie nicht einmal alle ihre Mannschaften zur Urne brachten. Vor der Wahl hatte der Redakteur der „Staatsbürger-Zeitung" Wilberg in einer öffentlichen Versammlung sogar die Juden aufgefordert für den bekannten Rechtsanwalt Ulrich einzutreten. Er sagte: Die Judenfrage müsse in den Hintergrund gedrängt werden und habe mit dieser Wahl gar nichts zu thun. Der Mann hätte vielleicht auch seinen Brodherrn, den Herausgeber der „Staatsbürger-Zeitung", Wilh. Bruhn, veranlaßt, zur Ergatterung des Mandats im WahlkreiseMeseritz-Bomst zeitweise den Antisemitismus in die Tasche zu stecken, wenn nicht darunter das Konitzer Nebentribunal litte, durch welches das Antisemitenblatt wieder etwas in Flor gebracht worden ist, sowie die Veranstaltung von Pückler - Versammlungen, Massenverbreitung von „Dreschflegelreden" — lauter Geschäfte bic noch etwas einbringen! Bruhn hielt deshalb wohl seine Kandidaten aufrecht, nachdem der „Bund der Landwirthe" ihn öffentlich zum Verzicht aufgefordert hatte, kam aber nicht einmal zur Stichwahl. Der „teutschen" Staatsbürger-Zeitung wäre es zuzuschreiben, wenn der Wahlkreis dem Deutschthum verloren ginge! Daß die Richter den Grafen Pückler persönlich nicht ernst nehmen sondern als einen Menschen bettachten, der völlig „jenseits von Gut und Böse" steht, hat sich bereits bei ftüheren gerichtlichen Entscheidungen gezeigt. Die Königliche Staatsanwaltschaft muß aber doch

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