Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 11 (November 1900)
- Article
- Die Erlösung des Judenthums?
- Date
- 1900-11-01
- Page
- 570 (sequence 14)
- Language
- German
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670 Im deutschen Reich. 2. Benedictus Levita hält das Verhältniß des Judenthums zum Deutschthum für ein unbefriedigendes, und ich bin der Letzte, der dies leugnen wollte. Aber was trägt an diesem unglückseligen Verhältniß die Schuld? Ist es wirklich der Religionsunterschied allein, und würde der Uebertritt aller Juden zum Christenthum — ob zum Protestantismus oder Katholizismus, mag einmal dahingestellt bleiben — wirklich die sogenannte Judenfrage in Deutschland lösen? Levita hat diesen beneidenswerthen Glauben, trotzdem die Antisemiten, die „zielbewußten" wie die verschämten, die Erstcren mit dem Aufwand aller ihrer Gehässigkeit, die Letzteren zwar höflich, aber doch nicht minder entschieden, es leugnen, und trotzdem selbst der gewiß nach Ansicht' Levita'S vorurtheilslose Herausgeber der Zeitschrift, die Levita ihre Spalten geöffnet, in einer Anmerkung der Redaktion hervorhcben zu müssen glaubt, daß „für uns" von einer Verschmelzung zweier Stämme nicht die Rede sein kann, daß „für uns" ein für allemal das Wort Treitschke's gilt: „Die Juden müssen Deutsche werden schlechtweg." Aber nein, es ist nicht wahr, der Religionsunterschied ist es nicht, der sich der Gestaltung eines befriedigenden Verhältnisses entgegenstemmt. Etwas ganz anderes ist es, was den Juden ihren Antheil am staatlichen Leben durch Maßregeln der Verwaltung vorenthält: es ist einmal das seit Jahrhunderten ihnen entgegenstehende christliche Vorurtheil und alsdann die Konkurrenzsurcht, jedes für sich und beide zusammen, bei dem einen mehr das eine, bei dem anderen mehr die andere und bei den meisten beides gemeinschaftlich wirkend; bei fast allen aber ist die Verschiedenheit der Religion nur der Vorwand, hinter dem sich eine zum mindesten halbbewußte Ungerechtigkeit versteckt. Dabei kann ebenso ehrlich von jüdischer Seite zugegeben werden, daß manche aus der jahrhundertelangen Bedrückung der Juden und aus ihrer Lage als noch nicht lange Emanzipierter leicht erklärliche Schwäche dem Vorurtheile Nahrung zu geben geeignet ist, wie es unbezweiselbar ist, daß derlei Schwächen angesichts der Sonne der Toleranz und in dem trotzdem und alledem wachsenden Gemeinschaftsleben nach und nach vergehen müssen. Wir Juden der Neuzeit verfallen so leicht in den Fehler, die Verhältnisse unter dem Gesichtswinkel einer zu kurzen Zeitperiode zu betrachten. Die Fortschritte kommen uns nicht rasch genug; wir