Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 11 (November 1900)
- Article
- Die Erlösung des Judenthums?
- Date
- 1900-11-01
- Page
- 569 (sequence 13)
- Language
- German
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Die Erlösung des Iudenlbnms. 569 Circumcision das Kind zum Juden macht, längst aufgegeben ist; er spricht von einem Geplapper und Geplärr in den Synagogen und vergißt, daß gerade in Deutschland in Folge der Resormbewegung die äußere Form des Gottesdienstes eine durchweg erhebende geworden, nachdem vielfach zeitgemäße Aenderungen an derselben vorgenommen worden, und daß es nur eines weiteren Anstoßes seitens der nichtorthodoxen Kreise bedarf, um auf dem eingeschlagenen Wege sortzuschreiten. Ihm imponieren die Blumen und Farben des christlichen Begräbniffes gegenüber der Einfachheit und Gleichheit, die im Großen und Ganzen bei jüdischen Leichenbegängniffen zum Ausdruck kommt; er weiß nicht, daß einstmals und zwar bis zu Gamaliels des Ersten Tode bei den Leichenbestattungen ein von Vielen kaum zu erschwingender Aufwand getrieben wurde und daß aus besten Zeit in Folge seiner letztwilligen Anordnung die — übrigens heutzutage von jüdisch-freisinniger Seite fast durchgängig durchbrochene — schöne Sitte stammt, die Bestattung auf die einfachste, für Arm und Reich gleiche Weise vorzunehmen. Benedictus Levita steht endlich nicht an, die christliche Caritas als die jüdische weit überragend hinzustellen und den Juden alsMustervorzuhalten. Es liegt mir fem, die Ehrlichkeit Levitas auch nur einen Augenblick inZweifel zu ziehen; aber er darf es uns auch nicht verargen, wennwir unser höchstes Erstaunen darüber zum Ausdruck bringen, daß er nicht kennt, was doch allenthalben in die Erscheinung tritt, und uns auch von unseren ärgsten Feinden nicht bestritten wird, weil es nicht bestritten werden kann: das jüdische Herz und seine Bethätigung zu allen Zeiten und an allen Orten, wo Menschen leiden, daß er nicht weiß, daß von jeher in Israel die Armen, die Kranken, die „Mühseligen und Beladenen" mit einer Hingebung ohne Gleichen gepsiegt worden sind. Wenn irgendwo, so kann gerade auf dem Gebiete werkthätiger Menschenliebe das Judenthum jeden Vergleich mit dem Christenthum aushalten; mit Stolz können wir darauf Hinweisen, daß seine erhabene Ethik nicht nur auf dem Papiere, in dem Schrifthum als tobte Theorie, sondern im Leben und Wirken als segensvolle That vorhanden ist, daß seine erhabene Ethik, die die Reform nicht noch zu vertiefen nöthig hatte, nicht nur gelehrt, sondern auch wirklich gelebt wird.