Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 11 (November 1900)
- Article
- Die Erlösung des Judenthums?
- Date
- 1900-11-01
- Page
- 568 (sequence 12)
- Language
- German
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568 Im deutschen Reich. sei nahe, von dem politischen Kampfe des Tages ablenken konnte; allein dies ist durch die Geschichtsquellen aus der damaligen Zeit nicht bezeugt, wie diese überhaupt über Jesum so gut wie gänzlich schweigen: die bekannte Stelle im Flavius Josephus erscheint heutzutage auch nichtjüdischen Forschern als Interpolation einer späteren Zeit, die es nicht begreifen konnte, daß Jesus in diesem Buche eines Zeitgenossen nicht sollte Erwähnung gefunden haben. So wenig es demnach richtig ist, daß die jüdische Ethik an Höhe und Reinheit der christlichen nachsteht, so wenig richtig ist es aber auch, daß in den religiösen Erinnerungen des Judenthums das nationale Moment das religiöse zu sehr überwiegt. Ebensowenig, wie irgend eine andere positive Religion, kann das Judenthum der Ceremonieen cntrathen, und diese knüpfen im Judenthum allerdings und mit Vorliebe an stammliche Begebenheiten an. Aber abgesehen davon, daß, wie Levita selbst hervorhebt, die Mehrzahl der Juden, namentlich der gebildeten, sich über die Ceremonialgesetze hinwegsetzen, haben diese, insonderheit aber die Feste, im Laufe der geschichtlichen Entwickelung und zwar schon recht früh das, was ihnen von ihrem Ursprung anhaftete, abgestreift; dazu kommt, daß drei von den fünf jüdischen Hauptfestcn auch Abschnitte im Leben eines ackerbautreibenden Volkes feiern. So feiert das Passahsest (Ostern) Gott als den Erlöser der Unterdrückten und zugleich das Wiedererwachen der Natur aus dem Winterschlaf; Schebuoth (Pfingsten) knüpft an die Offenbarung der Lehre an, die Gemeingut der gesitteten Welt geworden, und ist auch das Fest der Erstlingsfrüchte, und das Laubhüttenfest bringt den messianifchrn Verbrüderungsgedanken zum Ausdruck, der schon zur Zeit des OpferdienfleS mit ihm verknüpft war, und ist außerdem das Erntefest. Und was vollends die wichtigsten Feste des Jahres, das Neujahrsfest und den Versöhnungstag, angeht, so entbehren dieselben des nationalen Charakters gänzlich und lenken den Blick des Menschen vom Endlichen zum Ewigen, vom Irdischen zum Himmlischen, vom Diesseits zum Jenseits. Benedictus Levita geht auch noch auf Einzelheiten ein. So spricht er von einerRückständigkeit und Barbarei in den kirchlichen Formen des Judenthums und hebt hier die Beschneidung hervor, ohne zu bedenken, daß in weiten liberal-jüdischen Kreisen der Standpunkt, daß nicht schon die Geburt, sondern erst der Akt der