Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 11 (November 1900)
- Article
- Die Erlösung des Judenthums?
- Date
- 1900-11-01
- Page
- 567 (sequence 11)
- Language
- German
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Die Erlösung des Iudentbums. 567 daß Jesus auch nicht ein „Tüttelchen" vom „Gesetz", richtiger „Lehre" (Thora), beseitigen wollte; er wird, wenn er-die Lektüre des Neuen Testaments fortsetzt, gar bald gewahr werden, daß das Christenthum, das man gemeiniglich unter Christenthum versteht, nicht Jesu, sondern Paulus' Lehre, ist, daß dieser, um Jesu Sittenlehren und dem christlichen Gottesbegriff Eingang unter den Heiden zu verschaffen, im Gegensatz zu Petrus und den Judenchristen das Ceremonialgesetz für unverbindlich, seine Befolgung geradezu für unchristlich erklärt hat. Er wird, wenn er endlich die jüdische Geschichte zur Zeit Jesu — die Grätz nicht, wie Levita behauptet, in zwei Zeilen, sondern in vierzig Seiten behandelt — aus jüdischen und christlichen Quellen studiert, vor allen Dingen nicht mehr von dem großen Nechtsbruch der Kreuzigung, der auch an uns Juden der Jetztzeit noch heimgesucht wird, und davon reden, daß unsere Vorfahren wirklich den Ruf ausgestoßen haben: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder". Denn — so lehrt die unparteiische Geschichtsforschung — nicht ein jüdisches Gericht war es. das Jesum zum Tode verurtheilte, schon darum nicht, weil die Gerichtsbarkeit über Leben und Tod den Juden von den Römern entzogen war und in dm Händen des römischen Statthalters lag; die Todesstrafe der Kreuzigung war auch keine Strafe des jüdischen, sondem eine solche des römischen Strafkodex. Jesus ober ist von dm Römern zum Tode durch das Kreuz verurtheilt wordm, weil er sich König der Judm (J. N. B. J. — Jesus Nazarenus, res Judaeorum) nannte, was die Römer glauben lassen mußte, er erstrebe die Befreiung des jüdischen Staats von der römischen Herrschaft und wolle sich zum König des wieder unabhängig gewordenm jüdischen Staates machen. Die große Masse der Juden hat kein Interesse an dem Tode Jesu gehabt, der im wesentlichen nichts anderes lehrte als die jüdischm Gesetzeslehrer der damaligen Zeit auch, und der ihnen, wenn er ihnen überhaupt, und nicht vielmehr nur einer beschränkten Zahl seiner engeren Landsleute, aufgefallen war, dann höchstens als Sektierer und zwar als einer unter vielen anderen Sektierern ihrer Zeit erschien. Denkbar wäre es auch noch, daß Jesus derjenigen Partei, welche mit aller Macht dahin strebte/ das römische Joch abzuschütteln, und deshalb das Volk fortwährend aufstachelte, lästig wurde, weil er das Volk durch seine Prophezeihung, das Himmelreich