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Im deutschen Reich · 1900-11-01 · Heft 11 (November 1900) · p. 566

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
6 (1900)
Issue
Heft 11 (November 1900)
Article
Die Erlösung des Judenthums?
Date
1900-11-01
Page
566 (sequence 10)
Language
German
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666 deutschen Reich. sollt Ihr sein, denn heilig bin ich der Ewige, Euer Gott!" Die sittliche Forderung, die das Judenthum an seine Bekenner stellt, geht demnach dahin, Gott nachzustreben: wie Gott, der Vater aller Menschen, gütig, gerecht, barmherzig gegen alle seine Geschöpfe ist, so sollst Du, o Mensch, es auch sein. „Du sollst Deinen Nächsten lieben, wie Dich selbst". „Ihr sollt den Fremdling lieben", das sind Worte, die nicht erst das Christenthum gelehrt, sondern die im Pentateuch (3. Buch Moses 19, 18; 19, 34; 5. 10, 19) stehen, und zwar ersteres ohne den Zusatz „und Du sollst Deinen Feind hasien", den ihm das Evangelium fälschlicherweise anhängt; denn es ist nicht wahr, daß das Judenthum lehrt, daß man seinen Feind Haffen soll; im Gegentheil heißt es im 4. Buch Moses 19, 17: ,Lasse nicht Deinen Bruder in Deinem Herzen, zurechtweisen sollst Dü Deinen Nebenmenschen" und im 2. Buch Moses 23, 4: „Wenn Du den Ochsen oder den Esel Deines Feindes, die sich verirrt haben, antriffst, so führe sie ihm zurück" und im Talmud: „Der Mensch erweise auch dem Liebe, der ihm Böses gethan; er räche sich nicht und trage keinen Haß nach" (Jalkut Samuel 134). In der That hat denn auch Hillel, einen Heiden, der das Judenthum annehmen zu wollen erklärte, wenn Hillel es ihn lehren könnte, so lange er auf einem Fuße stehe, erwidert: Ja, mein Sohn, ich kann das: „„Was Du nicht willst, daß man Dir thue, das thue auch Deinem Nächsten nicht"" — das ist das ganze Gesetz, alles übrige ist Erklärung. Gehe hin und lerne." Hillel aber war ein älterer Zeitgenosse des Juden Jesus und der bedeutendste Lehrer des Judenthums seiner Zeit, dessen Lehren allgemein als maßgebend anerkannt wurden. Gewiß hat Jesus auch Einiges von seinen Schülern verlangt, was die damaligen Lehrer des Judenthums von seinen Bekennern nicht verlangt zu haben scheinen, so die Anforderung: „So Dir jemand einen Streich giebt auf Deinen rechten Backen, dem biete den anderen auch dar" oder „Aergert Dich Dein rechtes Auge, so reiße es aus" oder „Sorget nicht für Euer Leben, was Ihr essen und trinken werdet, auch nicht für Euren Leib, was Ihr anziehen werdet." Aber Levita selbst verwirft Manches, was Jesus gepredigt, und, wenn ich ihn recht verstehe, gerade die obenerwähnten und ähnliche Forderungen, und er wird, wenn er die Evangelien wieder einmal durchliest, mit mir auch zu der Ueberzeugung gelangen.

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