Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 11 (November 1900)
- Article
- Die Erlösung des Judenthums?
- Date
- 1900-11-01
- Page
- 561 (sequence 5)
- Language
- German
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Die Erlösung des Iudenthums. 581 Nun ist das Letztere zwar auch nicht wahr, denn es heißt im jer. Talmud, Traktat Pea und im babyl. Talmud Baba b 9a: „Liebe und Barmherzigkeit wiegen das ganze Gesetz auf." Indessen braucht ein Professor der christlichen Theologie mit der Verherrlichung des Christenthums nicht zurückzuhalten, bis er von jedem Ausspruche des Talmuds Kenntniß genommen hat. Von einem Juden aber hätten wir doch erwartet, daß er sich zuvor informiere,' wenn er es wagen will, über das jüdische Sittengesetz öffentlich zu reden und dem „Reformjudenthum" zuzurufen, daß alle seine Bemühungen für die Modernisierung der religiösen Praxis vergeblich seien, weil es nicht „mit der Vertiefung des Sittengesetzes" begonnen habe. Herr Benedictus Levita thut zwar so, als ob er über das Judenthum etwas gelesen habe. So sagt er von der vielbändigen G r ä tz'schen Geschichte der Juden, „daß in ihr die Geschichte Jesu, durch die das jüdische Volk erst zu weltgeschichtlicher Bedeutung gelangt ist, mit zwei Zeilen abgethan werde". Aber diese Aeußerung, die er wahrscheinlich in irgend einer antisemitischen Schrift aufgelesen, zeigt wiederum die Leichtfertigkeit eines Unwissenden. Denn der ganze dritt eJ3 and der Grätz'schen Geschichte ist eigentlich eine Darstellung des Zeitalters des Christenthums, und in dem II. Kapitel wird von Seite 216—253 das Auftreten und Wirken von Johannes und Jesus bis zur Entstehung der christlichen Urgemeinde eingehend geschildert. Aber Herr Benedictus Levita, der auf Grund der eben gekennzeichneten Ausführungen mit Emphase ausruft: „Juden sind wir nicht mehr!", ist auch mit dem Christenthum nicht zufrieden. Wir erwähnten bereits, daß ihn hier das Dogma ärgert; denn darin ist er eben Stockjude, der sich nichts wegdrehen und wegdeuteln läßt. Hier erinnert er sich auch seiner Väter, die für den Glauben an den einig-einzigen Gott ihr Blut vergossen haben, und deren Beispiel noch heute Nachahmung fände, wenn man uns vor dem Kreuze niederzuknieen zwingen wollte. Da indessen die gegenwärtigen Machthaber gelindere Zwangsmittel anwenden, so sinnt er auf einen Ausgleich. Den Katholizismus freilich muß er verwerfen, der gilt ihm nicht als Christenthum, aber wenn man im Protestantismus ein „undogmatisches Christenthum" lehrm Md verkünden würde, so wären auch er und seines-