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Im deutschen Reich · 1900-11-01 · Heft 11 (November 1900) · p. 560

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
6 (1900)
Issue
Heft 11 (November 1900)
Article
Die Erlösung des Judenthums?
Date
1900-11-01
Page
560 (sequence 4)
Language
German
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660 Im deutschen Reich. Gemeinschaftsleben keinen Bestand hat, wenn es sich nicht auf dem Boden der Sittlichkeit erhebt. Das Ideal des Judenthums soll für jeden leicht erreichbar sein? Wir möchten den sehen, der die Forderung erfüllen kann, die Leviticus 18, 1 an der Spitze einer Gesetz gruppe steht: „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott." Da hat doch AdolfHarnack — der freilich ein Gelehrter ist — in seinem Buche „Das Wesen des Christenthums" Seite 30 ff. anders über das Sittlichkeitsideal des Judenthums geurtheilt. Er sagt da nämlich in Bezug auf die Frage nach dem Neuen in der Religion des Christenthums das Folgende: „Der Monotheismus war längst aufgerichtet, und die wenigen möglichen Typen monotheistischer Frömmigkeit waren längst hier und dort, in ganzen Schulen, ja in einem Volke, in die Erscheinung getreten. Kann der kraftvolle und tiefe religiöse Individualismus jenes Psalmisten noch übertroffen werden, der da bekannt hat: „Herr, wenn ich dich habe, frage ich nicht nach Himmel und Erde"? Kann das Wort Micha's überboten werden: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten (sic!) und Liebe üben und demüthig sein vor deinem Gott"? Jahrhunderte waren bereits verfloffen, seitdem diese Worte gesprochen waren. Also — „was wollt ihr mit eurem Christus?" wenden uns namentlich jüdische Gelehrte ein; „er hat nichts Neues gebracht." Ich antworte hierauf mit W e l l h a u s e n: Gewiß, das, was Jesus verkündet, was Johannes vor ihm in seiner Büßpredigt ausgesprochen hat, das war auch bei den Propheten, das war sogar in der jüdischen Ueberliefemng seiner Zeit zu finden. Selbst die Pharisäer hatten er; aber sie hatten leider noch sehr viel anderes daneben. Es war bei ihnen beschwert, getrübt, verzerrt, unwirksam gemacht und um seinen Emst gebracht durch tausend Dinge, die fie auch für Religion hielten und so wichtig nahmen wie die Barmherzigkeit und das Gericht. Alles stand bei ihnen auf einer Fläche, alles war in ein Gewebe gewoben, das Gute und Heilige nur in einen Einschlag in einen breiten irdischen Zettel."

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