Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 9 (September 1900)
- Article
- Das Blut im Glauben und Aberglauben der Menschheit [Rezension]
- Date
- 1900-09-01
- Page
- 493 (sequence 5)
- Language
- German
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Bücherschau. 93 stehen, bei welchen nicht erst die Folgerungen, sondern schon die Beweismittel selbst falsch sind, und die nur von Unwissenheit und Fälscher-Talent zeugen. Innerhalb der Kirche hat es nie einen Blutritus gegeben ebensowenig wie im Judenthum, wenn auch ein solcher mit ziemlicher Sicherheit sich Nachweisen läßt bei einzelnen christlichen Sekten, so in ältester Zeit bei manchen Gnostikern (S. 14—17), so noch gegenwärtig bei russischen Sekten (S. 17—19). „Ist die christliche Religion" — fragt Strack mit Recht — „für solche Scheußlichkeiten verantwortlich?" Was bedeuten indesien diese immerhin ganz vereinzelt dastehenden Erscheinungen gegenüber der unübersehbaren Reihe von Scheußlichkeiten, von haarsträubenden, Abscheu und Ekel erregenden Vorkommnissen, von Greuelthaten und grausigen Verbrechen aller Art, bis hinab zur Bestialität und zum Kannibalismus, die sich unter Heiden wie unter Christen zugetragen, und die auf Rechnung des Aberglaubens wie der sogenannten „Volksmedizin" zu setzen sind? Wer aber meinen sollte, alles dies gehöre der Vergangenheit an und sei heute vollständig überwunden, der lese den ersten Theil der Strack'schen Schrift und überzeuge sich davon, daß der Aberglaube, speziell der Blutaberglaube, noch jetzt unter Christen weit verbreitet ist, und daß er bedauerliche, ja Entsetzen erregende Folgen auch jetzt noch hat! Man begreift darum vollkommen den Mahnruf Strack's an die christliche Geistlichkeit und an das christliche Volk: „Auf zum Kampfe, nicht nur wider den Unglauben, sondern auch wider den Aberglauben'." Angesichts dieser Thatsache aber wird man auch ermesien können, welche — gelinde gesagt — Dreistigkeit dazu gehört, wenn antisemitische Zeitungen vom „jüdischen Blutmord" und „jüdischen Blutaberglauben" reden und ihre Leser glauben zu machen suchen, als seien Blutmorde und Fälle von Blutaberglauben dem Judenthum eigenthümlich, etwas spezifisch Jüdisches! Sind aber derartige Erscheinungen, wie sie der erste Theil innerhalb der nichtjüdischen, auch der christlichen Menschheit nachgewiesen, auch innerhalb des Judenthums überhaupt nachweisbar? — bestimmter ausgedrückt: Was ist von den Beschuldigungen zu halten, welche die Juden bezichtigen, daß sie an ihren Nebenmenschen Verbrechen begehen, insbesondere daß sie Menschenspeziell Christenblut gebrauchten, sei es zu rituellen, sei es zu abergläubischen und Hei!zwecken? Der Untersuchung dieser Fragen ist der 11. Theil der Strack'schen Schrift (Kap. 14—20)