Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 9 (September 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-09-01
- Page
- 465 (sequence 12)
- Language
- German
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Umschau. 465 Daher war Ernst Winter unrettbar den kabbalistischen Sektierern verfallen." Die österreichischen Antisemiten, welche die Blätter „Hlas Naroda" und das „Deutsche Volksblatt" in Wien redigieren, dürften freilich der zwingenden Logik solcher Gründe kaum vertrauen. , Ihre mit kalter Berechnung betriebene Hetzarbeit unterscheidet sich wesentlich von derjenigen ihrer deutschen Gesinnungsgenossen, trotzdem diese in Könitz genau nach der Polnaer Schablone zu arbeiten versucht haben. — Gegen die beiden Wiener Gemeinderäthe Purschl und Rogan erhob kürzlich der klerikale Wiener „Dolksbote" die Anklage, daß diese bisher wegen ihres wohlgeaichten Antisemitismus bekannten beiden Stadtvertreter in ihren Häusern jüdische Mieths- Parteien ausgenommen hätten, daß Rogan für die Verlegung des GroßmarkteS nach einem Platze, an dem er ein Haus besitzt, mit der Erklärung eingetreten sei, daß er dort keine GeschäftSlokale besitze, aber sofort nach Erreichung der Verlegung solche Läden Herstellen ließ. Das „Wiener Tageblatt" bemerkte hierzu: „Die Geschichte ist ja ziemlich lehrreich, aber die Blätter, die dem Geschäftsantisemitismus dienen, haben keinen Grund, ein Aufhebens von ihr zu machen, sie wissen ja ganz gut, daß der Antisemitismus nicht Selbstzweck ist. Man will doch etwas davon haben, wenn man schon Antisemit geworden ist." So dachte man auch in Rumänien; auch dort hat sich die uralte Thatsache bewährt, daß derjenige die Massen mit sich reißt, welcher ihnen durch zündende Schlagworte plausibel macht, was ihnen auf Grund ihres natürlichen Egoismus einleuchtet. Die rohe Ichsucht ist überall die Triebfeder des Antisemitismus; in Rumänien lagen aber die Verhältnisse für denselben besonders günstig, so daß die dortige antisemitische Liga leichtes Spiel hatte, die breiten Volksschichten für ihre Zwecke zu gewinnen. Die Agitation erzeugte unter der jüdischen Bevölkerung einen solchen Nothstand, daß Tausende brodlos wurden und sich rur Auswanderung gezwungen sahen. Dem Durchzug zahlreicher mittelloser rumänischer Juden wurden in Oesterreich und Ungarn Hindernisse bereitet, und inzwischen dämmerte in den Köpfen der einsichtsvolleren Rumänen eine Ahnung davon, daß die Wohlfahrt, ihres Landes durch den Verlust zahlreicher tüchtiger Arbeitskräfte wahrlich nicht gefördert werden könne. Das neue Ministerium Carp gab nicht nur die Absicht kund, die jüdischen Gemeinden zu organisieren, in welchem Falle dieselben berechtigt wären, gewisse, zur Erhaltung von Schulen, Wohlthättgkeitsanstalten, sowie zur Unterstützung der Armen dienende Abgaben zu erheben, sondern erließ verschiedene Verfügungen, welche' eine völlige Wandlung vor-.