Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 9 (September 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-09-01
- Page
- 464 (sequence 11)
- Language
- German
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464 3m deutschen Reich. mittelst Postkarte, von welcher eine Abschrift an das „Berliner Tageblatt" gelangte. Es heißt da unter anderem: „Heute die zwanzig Mark erhalten, erwarte natürlich die anderen dreißig Mark. Heute liegt nichts vor. Schwindeln Sie so gut Sie können, aber keinen Blödsinn...!" Nun sucht Werner in Polna die österreichischen Judenfeinde bei ihrer Maulwurfsarbeit zu unterstützen. Mit der Dienstmagd Marie Koumarowa, welche sich plötzlich entsonnen hatte, daß sie vor nicht weniger als acht Jahren beinahe das Opfer eines angeblich von Leopold Hülsner unternommenen Mordversuchs geworden wäre, scheinen die Antisemiten gründlich abgefallen zu sein, da sie neuerdings verkünden, daß die Anklage auch auf die Ermordung der Marie Klima ausgedehnt werden solle. Der Polnaer Vertreter des Berliner Antisemitenblattes har die dieser Anklage zu Grunde liegende Zeugenaussage de8 angeblich lungenkranken Anton Lang vollinhaltlich wiedergegeben. Amtsgeheimnisse giebt eS in Polna anscheinend für Antisemiten nicht! Der Vertheidiger wie der Ankläger im Prozeß Hülsner sollen mit dem Studium der auf Tragbrettern herbeigeschafften Akten eine Riesenarbeit haben, die noch dazu beeilt werden muß, da der Prozeß in Pisek ganz bestimmt im Monat Oktober stattfinden wird. Eine längere Verzögerung wäre schon deshalb bedauerlich, weil sonst das Material sich noch vermehren könnte. Lustmorde sind leider nicht selten, und die Begier der Antisemiten, aus jeder solchen Frevelthat einen Ritualmord zu konstruieren, ist ebenso bekannt, wie die einer geistigen Influenza gleichenden Befangenheit weiter Kreise in Bezug auf Blutbeschuldigungs-Legenden. Da ist es wahrlich kein Wunder, wenn jeder Lustmörder nach vollbrachter That seinem Opfer die Kehle durchschneidet und vor der blutleer gefundenen Leiche durch Zetern über die „Bestien in Menschengestalt" den Pöbel auf die Juden hetzt und selbst hohnlachend der verdienten Strafe entgeht! Wie urkräftig und überzeugend die antisemitischen Beweise für das Vorkommen von Ritualmorden sind, zeigt eine neue Leistung der „Deutschen Reform" der Herren Dr. Böcke! und von Mosch, welche diese Beweise aus der Kabbala, der „Geheimlehre der jüdischen Orthodoxie", schöpften. Sie erinnern daran, daß bei den letzten „Ritualmorden" in Tanten Joh. Hegmann, in Polna Agnes Hruza, in Könitz Ernst Winter umkamen, deren Anfangsbuchstaben I. H., A. H. und E. W. lauten. Die „Deutsche Reform" fährt fort: »Diese Buchstaben ergeben das Wort Jahweh; eS mußte, um aus Tanten und Polna ein „Jahweh" zu erzielen, ein E. W. hinzukommen.