Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 9 (September 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-09-01
- Page
- 459 (sequence 6)
- Language
- German
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Umschau. 45V“ Vorwirft, die „Staatsbürger-Ztg." zu schmähen, um das Annoncen- Geschäst im Winter lukrativer zu gestalten, ist geradezu erheiternd! Nichts ist aber geeigneter, die antisemitische Sache in Mißkredit, zu bringen, als dieser immer greller hervottretende Geschäftsantise mi ti smus, der von einzelnen Parteigrößen jetzt derartig betrieben wird, daß Ahlwardt im Vergleich mit diesen Männern als Waisenknabe erscheint. Weil die „Kohlennoth" und der „Kohlenwucher" jetzt als Themata gelten, für welche von der Bevölkerung der Reichshauptstadt mehr Verständniß zu erwarten ist, als für widersinnige allen denkenden Menschen unfaßbare Ritualmord-Legenden, veranstaltete der Wahlverein Berlin der deutsch-sozialen Reformpartei am 28. August eine öffentliche Versammlung, in welcher sich zwei Redner auf's Aeußerste bemühten, die empfindliche Kalamität auf einer angeblichen Auswucherung des Volks durch die Juden zurückzuführen. Auf Böcke! und B ö ck l e r folgt zuletzt das „ B ö ck e l st e ", die Prophezeihung, daß dem jetzigen „jüdischen" Bewohner des Schlosses Lanke für die Förderung der Ausfuhr staatlicher Kohlen der erbliche Adel verliehen werden dürfte. Der Kommerzienrath Fritz Friedländer ist aber längst geadelt, kein Jude, sondern — päpstlicher Edelmann. Die „Schlesische Zeitung" schreibt: „Fritz Friedländer ist katholischen Glaubens — ein Umstand, der es ihm wohl erleichtert hat, die Gesammtförderung einer Anzahl derjenigen oberschlesischen Gruben in seine Hände zu bekommen, deren Besitzer entschiedene Centrumsmänner sind. Da Herr F. F. für katholische Anstalten, für Klöster, Stiftungen u. s. w. seit langem stets eine offene Hand gehabt hat, so ist Seine Heiligkeit schließlich auf den Herrn Kommerzienrath aufmerksam geworden und hat ihn durch Verleihung des päpstlichen Adels ausgezeichnet. Daß Herr F. F. den Wunsch und das Bestreben hat, seinen päpstlichen Adel von Preußen anerkannt zu sehen, darf man ohne Weiteres glauben." Da der „Staatsbürger-Ztg." vielleicht nach der sedanfeindlichen Aeußerung ihres bayerischen Gesinnungsgenossen Sigl der Erfolg eines antisemitischen Sommerfestes am 2. September selbst bei dem billigen Eintrittspreis von 30 Pfennigen fraglich schien, kündigte sie für dasselbe gleichzeitig eine Festansprache des schneidigen Grafen P ü ck l e r und als Hauptgewinn bei der „Verloosung reizender Gewinne" eine elegante Stutzuhr an. Am 5. September hielt der Graf in dem Saale der Neuen Philharmonie einen Vortrag über die „Judennoth", in welcher er unverblümt zu Gewaltthätigkeiten gegen die Juden aufforderte. Der Bericht der „Berliner Zeitung" über diese Versammlung schlicht mit