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Im deutschen Reich · 1900-09-01 · Heft 9 (September 1900) · p. 440

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
6 (1900)
Issue
Heft 9 (September 1900)
Article
Unfreiwillige Absonderung
Date
1900-09-01
Page
440 (sequence 4)
Language
German
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440 Im deutschen Reich. genießen. Und — wie ernüchtert wird er schon in den ersten Wochen seines neuen Standes I Nehmen wir den günstigsten Fall an: er sieht nicht „jüdisch" aus, trägt keinen spezifisch jüdisch klingenden Namen, hat gute Manieren und ein angenehmes Wesen. Er wird also auf der Universität, wo man seine Abstammung nicht kennt, von den Kommilitonen mit Freuden begrüßt, und fühlt sich als junger Gott. Da hört er eines Tages in seiner Nähe antisemitische Aeußerungen, bald in schüchterner, bald in unverschämter Form, und — sein glücklicher Traum ist verrauscht. Er kann, wenn sein Ehrgefühl nicht rege ist, thun, als wenn er nichts davon merkt, aber das würde ihm für die Dauer doch nicht helfen. Ist er aber ein tapferer Mann mit normalen Gefühlen von Ehre und Pflicht, dann wird sich alles in ihm empören gegen die Verspottung seiner religiösen Gemeinschaft, seiner Vorfahren, seiner Eltern und Geschwister. Er wird diese Stätte verlassen, wo er vor persönlichen Kränkungen nicht geschützt ist, und wird für die Folge jeden nichtjüdischen Verkehr so viel als möglich meiden. Er fühlt sich geächtet und ausgestoßen, und voller Bitterkeit fragt er sich: „Warum geschieht mir das? Habe ich mich nicht an denselben Mitteln gebildet wie Ihr? Hatte ich nicht alle Ideale mit Euch gemein? Sehnte ich mich nicht danach. Euer Bruder zu sein?" Wie leicht geräth man in solcher Stimmung dahin, an der Macht der deutschen Bildung, an der Idee der Humanität zu verzweifeln! So wird er durch die Entartung unserer Kultur zurückgedrängt in? ein modernes Ghetto, das psychisch trauriger ist, als das alte. Ter Jude ist seiner ganzen Natur nach gesellig, er sehnt sich nach einem anregenden Verkehr mit Gleichgesinnten. Er möchte nicht aus Barmherzigkeit großmüthig geduldet sein, er will nicht, daß man ihm sein Judenthum gnädig verzeiht, er will als gleichwerthig angesehen werden. Es bleibt ihm daher nur der Kreis der jüdischen Kommilitonen übrig. Wohin soll er sonst seinen Schritt lenken? Von den „vornehmen" Korps will ich ganz schweigen. Für sie wäre schon der Umstand, daß der jüdische Student auch studiert, genügend, um mit ihm nicht zu verkehren. Aber auch die Burschenschaften, diese ehemaligen Hochburgen freiheit-

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