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Im deutschen Reich · 1900-09-01 · Heft 9 (September 1900) · p. 439

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
6 (1900)
Issue
Heft 9 (September 1900)
Article
Unfreiwillige Absonderung
Date
1900-09-01
Page
439 (sequence 3)
Language
German
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Unfreiwillige Absonderung. 439 sondern sie ist da, sie zeigt sich in erschreckendem Grade, und den jüdischen Studenten bleibt nichts übrig, als den logischen Schluß aus den Thatsachen zu ziehen. Es scheint mir, daß der Herr L. die Tragik nicht kennt, die sich in den letzten zehn Jahren durch die ewige Hetze in der jüdischen Seele herausgebildet hat. Kein Christ ahnt, wie sehr gerade die edel empsindenden Elemente der deutschen Judenheit durch die systematische Erneuerung mittelalterlicher Zustände leiden. Gerade die von der modernen Bildung erfüllten Männer, die nichts glühender ersehnen, als in jeder Hinsicht Söhne des deutschen Vaterlands und echte Kinder der europäischen Kultur zu sein, werden von der geistigen und sittlichen Reaktion am härtesten getroffen. Ihnen will der Antisemitismus das Beste: ihreJdeale,ihrenGlauben an die Zukunft rauben. Sie sind durch die erlittenen Kränkungen und Zurücksetzungen mißtrauisch geworden, sie fühlen sich nirgends sicher. Eine krankhafte Empfindelei hat in ihrer Brust Platz gegriffen, und sie wittern manchmal eine antisemitische Gesinnung, wo sie vielleicht in Wirklichkeit gar nicht vorhanden ist. Der Typus dieser modernen Werther ist der jüdische Student. Er hat 9—10 Jahre das Gymnasium besucht, sich an humanistischer und deutscher Bildung gelabt und hat für alle möglichen und unmöglichenJdeale geschwärmt. In dieser Periode spürte er die Vorurtheile gegen seine Abstammung noch relativ wenig. Er hat zusammen mit den Andem die Bank gedrückt, sie haben zu einander „Du" gesagt, gemeinsam auf die griechischen unregelmäßigen Verba und die Lehrer geschimpft und lustige Streiche gemacht, sich gegenseitig in den Aufgaben und mit den verbotenen Cigarren ausgeholsen, — da konnte sich der Klaffen- und Rassenhaß kaum hervorwagen. Aber nun ist diese Zeit mit all' ihren Freuden und Leiden vorüber. Er hat das Abiturium überstandrn, hat beim Abschieds-Kommers „in Erfüllung seiner Studentenpflicht" diber« gründlich konjugiert und schwelgt in der Vorahnung seiner hohen Würde als freier akademischer Bürger. Er tritt in die Hallen der Universität mit den üblichen Schwärmereien und Hoffnungen, er möchte ein ganzer oder wenigstens ein halber Goethe werden. Er will studieren und forschen, deutsche Sitte pflegen, echte Fröhlichkeit kennen lernen und die Jugend fteudig ss*

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