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Im deutschen Reich · 1900-09-01 · Heft 9 (September 1900) · p. 438

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
6 (1900)
Issue
Heft 9 (September 1900)
Article
Unfreiwillige Absonderung
Date
1900-09-01
Page
438 (sequence 2)
Language
German
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Im deutschen Reich. 43S- Daran mußte ich unwillkürlich denken, als ich in Nr. 26 der „Mittheilungen aus dem Verein zur Abwehr des Antisemitismus" den Artikel aus München las. Der Herr L. schreibt, nachdem er die Erklärung der jüdischen Verbindung „Rheno-Silesia" in Bonn kritisiert hat: „Wir haben deshalb mit lebhaftem Bedauern davon Kenntniß genommen, daß zu Beginn dieses Semesters sich hier ein neuer jüdischer Studentenverein gebildet hat, umsomehr als wir gerade bei dieser Gelegenheit beobachten konnten, in welch' hohem Grade jedes Vorgehen in dieser Richtung die Spannung zwischen den Studierenden christlichen und jüdischen Bekenntnisses steigert. Möchten sich doch die Betheiligten der Tragweite ihrer Handlungsweise bewußt werden, möchten sie einsehen, daß sie nicht die rechte Fühlung mit den Angehörigen anderer Konfessionen erhalten, wenn sie sich auf der Schule und auf der Hochschule von diesen absondern, und daß auf diese Weise die Erfüllung der Hoffnungen der Vorkämpfer der Emanzipation wieder um ein Menschenalter hinausgeschoben werden kann." Ich kann diesen Standpunkt wohl verstehen, und es wäre vor 25 Jahren in Deutschland so selbstverständlich gewesen wie 2X2—4, aber — wir leben eben nicht im Jahre 1875, sondern am Anfang des 20. Jahrhunderts, und die gesellschaftlichen Erscheinungen wollen nicht aus der grauen Theorie, sondern aus den thatsächlichen Zuständen beurtheilt und psychologisch erklärt werden. Ich glaube nicht zu irren, wenn ich annehme, daß der Verfasser dieses Artikels kein Israelit ist, und es macht seiner wahrhaft liberalen Gesinnung alle Ehre, daß er für das Zusammengehen der deutschen akademischen Jugend warm eintritt und die Trennung nach Konfessionen bedauert. Aber der Herr vergißt nur das Eine: die jüdischen Studenten sondern sich nicht ab, sondern sie werden abgesondert und geächtet. Nicht aus Uebermuth gründen sie sich ein neues Ghetto, sondern die traurigen Verhältnisse machen sie innerlich heimathlos, und sie suchen eine Zuflucht bei denen, die gleich ihnen verschmäht und verachtet sind. Die „Spannung zwischen dm Studiermden christlichen und jüdischm Bekenntnisses" wird von jüdischer Seite nicht hervorgerufen und nicht gesteigert.

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