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Im deutschen Reich · 1900-10-01 · Heft 10 (Oktober 1900) · p. 545

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
6 (1900)
Issue
Heft 10 (Oktober 1900)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1900-10-01
Page
545 (sequence 3)
Language
German
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Verenisnachrichten. 545 Blousennäherinnen las, der konnte sich davon überzeugen, daß jene Volksverführer durch beständige Hetzereien die Industrie anfeinden, und dadurch den größten Segen des Arbeiters, die Arbeitsgelegenheit, vermindern; siegeben der arbeitenden Bevölkerung Steine statt Brot und diese Steine fliegen ebenso leicht in die Fenster der Staatsgebäude wie in diejenigen der jüdischen Arbeitgeber. Die Konsuln mögen deshalb darauf sehen, daß solche Ausschreitungen bei Zeiten unmöglich gemacht werden! Wie Kapital und Arbeit, so sind auch Staat und Kirche auf einander angewiesen; den antisemitischen Anarchisten gelten aber .Bibel und Religion genau so wenig, wie Gesetz und Ordnung. Zunächst schmähen sie beständig das Alte Testament, das sie nur als „jüdische Volksgeschichte" betrachten, weshalb sie es aus dem christlichen Religionsunterricht ausgeschieden sehen wollen; aber auch das Neue Testament enthält so vieles, was mit dem Antisemitismus unvereinbar ist, daß von den konsequenten Antisemiten die ganze Bibel verworfen und dafür ein zur Anbetung sühlloser Naturgewalten oder zu der „arischen Herrenmoral" der Selbstvergötterung führendes „nationales Heidenthum" zum Palladium gemacht wird. Sie rauben dem Volke die tiefe göttliche Ethik der Offenbarungsreligion und geben ihm für das Brod des Geistes die Steine des altheidnischen Götzendienstes mit den Blutrinnen, an welchen in grauer Vorzeit wehrlose Opfer verendeten. Fast noch schlimmer wirken jene halbüberspannten Antisemiten, die minder logisch geschult sich als eifrige Christen hinstellen und trotzdem, wie im Mittelalter die von den höchsten katholischen Kirchenfürsten streng verpönten halbwahnwitzigen Geißlerschaaren, sich damit brüsten, „Judens ch l ä g e r " zu sein. Am 5. Oktober hielt Graf P ü ck l e r wieder in Berlin einen solchen Vortrag, der so „polizeiwidrig" war, daß es selbst die „Staatsbürger-Ztg." für gerathen hielt, die blutrünstigsten Stellen ihren Lesern vorzuenthalten. Der edle Graf wagte u. a. folgende frevelhafte Worte zu sagen: „Unsere innere Politik ist schlapp und ziellos, es ist eine elende Jammerwirthschaft. Judenthum und Sozialdemokratie wachsen, und solche Zustande müffen zum Untergang des Staates führen. Unsere Minister aber stecken die Hände in die Hosentaschen, sagen: wir können doch n i s ch t machen und lasten die Sache l o o f e n. Die Karre muß aber wieder aus dem Dreck herausgezogen werden; wir müssen hin und wieder mal dazwischen hauen, daß. sie alle der Teufel holt. Es wird überhaupt nicht mehr regiert; es fehlt die starke Faust des großen Bismarck. (Großer

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