Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-10-01
- Page
- 544 (sequence 2)
- Language
- German
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644 Im deutschen Rercb. diejenigen, deren Parteisache und Parteisäckel Nutzen davon hat, wenn ihnen die Ungewißheit über den Urheber des schaurigen Frevels recht lange die Möglichkeit bietet, in Schrift und Wort die Judenhetze zu predigen und mit dieser dem Sensationsbedürfniß von Tausenden zu genügen. Zur Aufstachelung der Leidenschaften mußte freilich die Kost nach und nach immer schärfer gewürzt werden, weil sich bekanntlich der Geschmack für gepfefferte Dinge' überaus rasch abstumpft und unberechtigte Jeremiaden überraschend schnell langweilig werden. Die aus der beständigen Steigerung solcher künstlicher Aufreizungen einer gedankenlosen Menge der staatlichen Ordnung erwachsende Gefahr kann auf die Dauer von der Staatsverwaltung nicht übersehen werden; offene Aufforderungen zu Gewaltthätigkeiten in einem Kultur- und Rechtsstaate lange zu dulden, ist doch wahrlich unmöglich. - Selbst die werthvolle Preßfreiheit und die gewiß schätzenswerthe Freiheit des Versammlungsrechts können es nicht verhüten, daß die den gehässigen antisemitischen Ausschreitungen gegenüber bisher gezeigte Geduld der Behörden endlich erschöpft wird, zumal dieselben ernste Bedenken dagegen hegen, auch anderen politischen Parteien gegenüber diese milde Praxis zu üben. Jede auch nur scheinbare Rechtsungleichheit schädigt aber den Staat. Dazu kommt, daß die Antisemiten die Nachsicht der Behörden mit dem gröbsten Undank belohnt haben, indem sie durch die geringfügigste Zurechtweisung sofort zu den heftigsten Angriffen und ^Verunglimpfungen der behördlichen Organe veranlaßt wurden. Sie haben sich stets zügellos erwiesen und leider den Geist wilder Zügellosigkeit auch in diejenigen Kreise hineingetragen, welche bisher durch Hre Friedfertigkeit, durch ihre Achtung vor Gesetz und Ordnung mit vollstem Recht als die zuverlässigsten Stützen des Staates betrachtet werden konnten. Neid, Haß und Argwohn waren dem Mittelstände fern, so lange nicht berufsmäßige Agitatoren den durch die Fortschritte der Technik und die wachsende Macht des Kapitals bewirkten Umschwung aller wirthschaftlichen Verhältniffe dazu benutzten, mehr oder minder offen die Staatslenker zu beschuldigen, die Großkapitalisten auf Kosten des Mittelstandes zu bevorzugen. Um mehr Unzufriedene zu machen, hemmten sie den friedlichen Ausbau der Sozialreform und veranlaßten die kleinen Gewerbtreibenden, müßig und grollend bei Seite zu stehen, statt selbst ihren Betrieb den veränderten wirthschaftlichen Verhältnissen anzupaffen und Derständniß dafür zu gewinnen, daß Kapital und Arbeit keine Gegner, sondern darauf angewiesen sind, sich gegenseitig zu stützen und zu fördern. ' Wer einen kürzlich in einem Antisemitenblatte veröffentlichten Artikel' über die