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Im deutschen Reich · 1900-10-01 · Heft 10 (Oktober 1900) · p. 536

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
6 (1900)
Issue
Heft 10 (Oktober 1900)
Article
Konitz
Date
1900-10-01
Page
536 (sequence 4)
Language
German
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3m deutschen Reich. Freisprechung Speisiger's und der Verhaftung Moritz Lewy's unter dem Verdacht wissentlichen Meineids, weil verschiedene Zeugen, insbesondere die unter sittenpolizeilicher Kontrolle stehende Symanowski, bekundeten, Winter mit Moritz Lewy zusammen gesehen zu haben. Der Staatsanwalt hat gegen die Freisprechung Speisiger's, die offenbar selbst den Vertheidiger desselben, Rechtsanwalt Gebauer, der nur für mildernde Umstände plaidiert hatte, überrascht hat, Revision eingelegt. Für die Verhaftung Moritz Lewy's ist der Umstand von Bedeutung, daß Speisiger selbst ausgesagt hat, die Tochter Hoffmann's habe ihm zur Abfassung seiner schriftlichen Aussage die Anleitung gegeben und dabei gesagt, es sei dringend nothwendig, Moritz Lewy meineidig zu machen und Zeugen h e r.a n z u s ch a f f e n. Diese Zeugen sind . thatsächlich maffenhaft herangeschafft worden. Wenn Moritz Lewy mit Winter zusammengesehen worden und trotzdem erklärt hat, ihn nicht zu kennen, erinnert dies an den Hofprediger Stöcker, den man mehrfach des fahrlässigen Falscheides beschuldigte, weil er die Bekanntschaft mit Ewald bestritt, mit dem man ihn gesehen hatte. Herrn Stöcker hat man deshalb nicht verhaftet. Die kühnen Schlußfolgerungen, welche die antisemitische Preffe an den seltsamen Ausgang des Speisiger-Prozeffes knüpft, verdienen kaum eine Widerlegung. Moritz Lewy's Ableugnung der Bekanntschaft mit Winter ist für die Ermittelung des Mörders dem Kriminalisten sicher von weit geringerer Bedeutung wie die Bedrohungen Winters durch gewiffe Fleischerlehrlinge und wie die auffälligen Bemühungen der Familie Hoffmann, Moritz Lewy meineidig zu machen und Zeugen heranzuschaffen. Jetzt darf man hoffen: Die Sonne bringt es an den Tag! Das künstliche Dunkel, welches über den Winter'schen Mord gebreitet wurde, kann nicht lange mehr Vorhalten. Der erste Staatsanwalt in Könitz, D r. S e t t e g a st , ließ der Berliner „Täglichen Rundschau" eine Zuschrift zugehen, in welcher es heißt: „Nach einer, auch in andere Blätter übergegangenen Mittheilung des „Konitzer Tageblattes" sollte der, wegen Verdachts des Meineids in Untersuchungshaft genommene Fleischer Moritz Lewy im Gefängnisse den Versuch gemacht. haben, sich mit seinem Hosenträger zu erhängen, jedoch noch rechtzeitig abgeschnitten worden sein. Diese Mittheilung beruht, wie uns der Gefängnis-Vorsteher zu Könitz mittheilt, völlig auf Erfindung. MoritzLewy hat übrigens gegen denHaftbefehl Beschwerde erhoben. Gegen das freisprechende Urtheil der Strafkammer zu Könitz in der Sache gegen Rückwald, gen. Speisiger, ist von der Staatsanwaltschaft Revision eingelegt worden. S e t t e g a st."

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