Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-10-01
- Page
- 525 (sequence 6)
- Language
- German
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Umschau. 525 Agitator, beschuldigte offen seinen früheren intimen Freund Liebermann im Verein mit dem Hamburger Antisemiten Fr. Raab, die „Spaltung auf dem Gewiffen zu haben". Liebermann, der so Diel von dem „todten Punkt" gesprochen, habe durch sein Paktieren mit den Konservativen die Partei erst auf den todten Punkt gebracht. Tatsächlich hat die von Liebermann aufgestellte Kandidatur Dr. Vogel's für das von Zimmermann für sich gewünschte Mandat im Wahlkreise Rinteln-Hofgeismar dem antisemitischen Faß den Boden ausgestoßen. Dabei hat Liebermann die Reformpartei vor den Kopf gestoßen, ohne den Bund der Landwirthe für seinen Kandidaten zu gewinnen, da die Konservativen die Agrarier für den Gutsbesitzer Ornst Lippoldes warben. Das antisemitische Hamburger Bürgerschafts Mitglied Friedrich Naab hat sich wegen der Vogel'schen Kandidatur schon vor dem Magdeburger Parteitage mit Zimmermann überworsen und bildet nun mit Liebermann und Müller- Waldeck das sezessionistische antisemitische Triumvirat. Das von ihm inspirierte „Deutsche Blatt" bildet neben den „Deutsch-Sozialen Blättern" das Organ der neuen „deutsch-sozialen Partei"; im Verein „Aufwärts" soll der letztere in derselben Weise Geldmittel schaffen, wie der Verein „Quittungsmarke" der radikalen Reformpartei. Gespannt ist man nun darauf, wohin sich der Führer der deutsch-nationalen Handlungsgehilfen Fr. Schack schlagen wird; es wäre heiter, wenn die beidenAntisemiteninderHamburgerBürgerschaft verschiedene antisemitische Fraktionen vertreten würden. Wie übrigens Schack es anfangen will, das Interesse der Handlungsgehilfen weiter zu vertreten und gleichzeitig mit Raab in dem „Deutschen Blatt" die agrarischen Ansprüche des Bundes der Landwirthe zu fördern, ist schwer zu enträthseln. Weit eher ist eine Spaltung unter den Hamburg-Altonaer Antisemiten zu erwarten. In Hessen kam es bereits zum offenen Zwist, weil angeblich auf dem Verbandstage der deutsch-sozialen Reformpartei für Kurhessen in Gegenwart Liebermann v. Sonnenberg's deffen Kartellpolitik verurtheilt und an Stelle des bisherigen Vorsitzenden der zu Zimmermann haltende Neichstagsabgeordnete Werner zum Vorsitzenden gewählt wurde. Der bisherige Führer der Kaffeler Antisemiten, Dr. Winterstein, der sich in der Versammlung für Raab-Liebermann erklärt hatte, stellt nachträglich in Abrede, daß bindende Entschlüffe in der nur von 18 Stimmberechtigten besuchten Versammlung beschlossen worden seien, indessen läßt die Wahl Werner's kaum einen Zweifel über die Stimmung in den betreffenden Kreisen zu. Für die sogenannte „Judenfrage" bilden diese Zerwürfnisse unter den ärgsten Judengegnern keine Lösung, vielmehr steht zu befürchten.