Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-10-01
- Page
- 521 (sequence 2)
- Language
- German
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Umschau. 521 daß die Behauptung jenes Blattes von einem ungeheuren Wagemuth zeigt, das seinige dazu Leigetragen zu haben, „daß die furchtbare Erregung des Volkes nicht höher gestiegen ist und nicht mehr Unheil angerichtet hat, als dies in Folge verfehlter Maßnahmen schon der Fall gewesen ist". Hoffentlich erfährt der kühne Schreiber jener Zeilen, daß er der Wahrheit weit näher kam, als er die Worte hinzufügte: „In Preußen giebt es noch, Gott sei Dank, Richter, und Recht muß Recht bleiben!" Lange bevor in Könitz die Blutthat verübt wurde, an welcher aller Wahrscheinlichkeit nach kein Jude betheiligt war, ist durch aufreizende Wanderredner, durch maffenhast verbreitete antisemitische Flugblätter, Broschüren und durch die bekannten aufregenden Bilderbogen der „Glöß-Bewer'schen Fabrik" die bis dahin so friedlich gesinnte Bevölkerung des Konitzer Kreises gegen die dortigen Bürger jüdischen Bekenntniffes frevelhaft aufgehetzt worden. Nicht in der harmlosen Konitzer Bürgerschaft ist die entsetzliche Beschuldigung des Blutmordes spontan entstanden, wie jetzt die Antisemitenpreffe behauptet — nein, dieses Gift ist ihr künstlich eingeimpft worden und halte, wenn der unglückselige Konitzer junge Lebemann nicht das Opfer irgend eines Liebesabenteuers geworden wäre, bei irgend einem anderen blutigen Verbrechen dieselbe Wirkung ausgeübt. Die schleunige Derwerthung mancher Blutthat zu einer Judenhetze macht es den Herren Lustmördern leicht, der strafenden Gerechtigkeit zu entrinnen, so daß die Antisemiten nicht nöthig haben, zu diesem Zwecks irgend ein unschuldiges Opfer verbluten oder eine Leiche verstümmeln zu laffen. Bei Pehrings walde wurden am Abend des 1’ Oktober auf dem Heimwege vom Jahrmarkt nach Gr.-Milkau in der Niederung vier junge Mävchen von einem Unbekannten angefallen. Drei Mädchen konnten sich flüchten, während das vierte, die 16 Jahre alte Tochter eines Gutsbesitzers, in einen Wald geschleppt wurde, in welchem sie später mit durchschnittenem Halse aufgefunden worden ist. Ter Mörder, der wahrscheinlich auch in Antisemitenblättern etwas von „Schächtschnitt" gelesen hatte, ist entkommen. In dem Konitzer Fall hat das zweifellos in bestem Glauben abgegebene Gutachten des dortigen Sachverständigen viel dazu beigetrcgen, die antisemitische Behauptung von der Behauptung eines sogenannten „Schachtschnittes" zu unterstützen, aber das in dem Jsraelski-Prozeß von dem Berliner Privatdozenten Dr. weck. Georg Puppe über den Leichenbefund abgegebene Gutachten hat den Glauben an die Richtigkeit jener Annahme vollständig erschüttert. Es kennzeichnet das Bildungsniveau der antisemitischen Presse, daß diese es als „der Juden Dank" zu