Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-10-01
- Page
- 520 (sequence 1)
- Language
- German
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620 Umschau. WZ ürzlich schrieb ein antisemitisches Blatt: „Die Konitzer Mordangelegenheit hat so hohe Wellen geschlagen, daß wir nur wünschen und hoffen können, daß die bevorstehenden Prozesse in eingehendster Weise zur Klärung der Verhältnisse beitragen werden. Und gelingt es, wie der Herr Staatsanwalt in dem Prozeß gegen die „Germania" andeutete, am Ende doch, die Spuren der Mörder durch sie zu finden, so werden wir unö reich entschädigt fühlen für alle die Drangsale, die uns aus dem Bestreben erwachsen sind, diese Klärung herbeiführen zu helfen." Ein gutes Wort, wenn auch nicht im Sinne der Antisemiten, so doch in unserm Sinne, denn so gewiß die Sonne täglich aufgeht in Heller Klarheit, so unausbleiblich kommt auch ohne eine von. Antisemiten erstrebte „Klärung" der Tag der Wahrheit! Die Aufklärung hatten die Juden niemals zu fürchten und haben sie auch sicher in der Konitzer Sache nicht zu fürchten, welche die dazu berufenen Untersuchungsbehörden nur deshalb bisher nicht aufzuklären vermochten, weil ihre Arbeit durch jene Unberufenen erschwert wurde. Eine Verhandlung, die im vollen Lichte der Oeffentlichkeit geführt wird, dürste zu einer Brandmarkung des lichtscheuen Treibens führen und selbst viele derjenigen anwidern, die sich bisher noch von dem heuchlerischen Wesen judenseindlicher, schlauer Dunkelmänner blenden ließen. Die mittelalterliche Romantik mit ihrer Herrenmoral, ihrem Gespensterspuk und ihren Blutlegenden kann doch nur dort die Gemüther fesseln, wo jenes Zwielicht vorhanden ist, welches die Pläne derer begünstigt, die im Trüben fischen wollen. Die gemalten Ritterburgen, Wälder und Spukgestalten verblaßter Theatercoulissen machen bekanntlich am. Hellen Tage einen kläglichen Eindruck. Vor dem grünen Tische des Richters verfangen kaum ditz bombastischen Phrasen derjenigen, welche jede unenträthselte Blutthat für ihre Parteizwecke und geschäftlichen Interessen auszubeuten suchen und immer dabei vorgeben, daß ihr Werk der Verdunkelung, welches nur das Entkommen der Verbrecher begünstigt, den Zweck habe, dieMörder zu entdecken und weitere Unthaten zu verhüten. Der deutsche Richter steht auf einer höheren Warte als auf der Zinne der Partei. Wenn er aber selbst jemals im politischen Leben Schulter an Schulter mit Männern gestanden, welche zum Lager der „Staatsbürger-Zeitung" gehören, darüber könnte er nicht einen Augenblick im Zweifel sein.