Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1900)
- Article
- Die Juden in Italien
- Date
- 1900-10-01
- Page
- 510 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2316602-2316663-2316673-2326432--07242-2326512- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
510 Im deutschen Reich. lich wird im Schatten des Vatikans, der immer auf die Stadt einen gewaltigen Einfluß ausübt, das Judenthum zurückgehalten und befehdet, trotz des Quirinals, der cs beschirmt und sichert. Daher leben die katholischen Vereine in fortwährendem Kriege mit dem Judenthume, sie machen ihm Ehren- und öffentliche Aemter streitig und verbreiten, wenn sie können, Mißtrauen, Argwohn, Abneigung gegen daffelbe in den Massen. Wenn man mit solchen Künsten einige Erfolge erzielt, so lehnt sich doch im allgemeinen der Zeitgeist dagegen auf und triumphiert. In den hohen Klassen ist es, abgesehen von dem stets dem Papstthum ergebenen Theile, selten, daß man Unterschiede zwischen Glauben und Glauben macht. Und wenn manchmal das alte Vorurtheil wieder aufzuleben droht, so hat man nicht den Muth, ihm freien Laus zu lassen, weil man sich schämt, cs zu gestehen. Und das ist viel! Uebrigens muß man für Rom (was auf keines der anderen großen Centren des Königreichs zutrifft) auf eine Scheidungölinie zwischen den alten, eingeborenen und den neuen fremden Elementen Hinweisen. Seit 1870 bis heute strömten hier in dichter Zahl die Juden aus allen Städten Italiens zusammen, aber bildeten weder unter sich noch mit den alten Elementen einen festen oder homogenen Mittelpunkt, sei es weil sie der Glaubenödrang nicht dazu trieb, sei es weil sie es nicht für klug hielten, eine von der übrigen Bürgerschaft losgelöste Korporation zu bilden. So entstand eine Anhäufung, keine Verschmelzung; doch brachten diese fremden Elemente nach Nom eine Menge Beziehungen, Freundschaften, Sitten und Verbindungen, deren Wohlthatcn sich auch auf die Eingeborenen ausdehnten, um allen Juden in der Hauptstadt eine Duldung und Achtung zu gewährleisten, die vor 1870 zu träumen Wahnsinn gewesen wäre. Neapel zeichnet sich durch ganz besondere und seltsame Zustände aus. Bis 1860 während der bourbonischen Herrschaft existierten in Neapel keine Juden, wenigstens nicht rechtlich. Nicht daß man ihren Aufenthalt gesetzlich verboten hätte: derartige Gesetze waren nicht vorhanden, oder wenn sie vorhanden waren, waren sie vergessen. Aber nach den brutalen und schändlichen Hetzen der vergangenen Jahrhunderte hatten sich Juden im einzelnen oder in Familien nicht wieder in Neapel niedergelassen oder hatten niemals ihr Bekenntniß kundgegeben. Die ungeheure Unwissenheit,