Mannheim
Compact Memory

Im deutschen Reich · 1900-08-01 · Heft 8 (August 1900) · p. 397

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Im deutschen Reich
Volume
6 (1900)
Issue
Heft 8 (August 1900)
Article
[Ohne Titel] / A. L.
Date
1900-08-01
Page
397 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
chapter
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2316602-2316663-2316671--07000-2326356
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Umschau. 397 antisemitischen Nadauhelden haben es allerdings allzu toll getrieben. Ganz besonders wird es die „deutschen Männer" Pückler, Bruhn und Genoffen betrüben, daß sie nicht einmal ihr unglaubliches Telegramm an den Kaiser vor dem Staatsanwalt geschützt hat." Die „Volkszeitung" übersieht dabei, daß es den Antisemiten garnicht darauf ankommt, ob ihre Loyalitäts-Versicherungen nach oben wirken, wenn nur nach unten die Wirkung erzielt wird, Angehörige des Mittelstandes glauben zu machen, daß sie es mit einer königstreuen Partei Zu thun haben. In einer am 25. Juli abgehaltenen Versammlung des „Deutsch-sozialen Wahlvereins" wurden die Behörden wiederum scharf angegriffen, und insbesondere erklärte Graf Pückler, daß er sich nicht einschüchtern laffen werde. O. Böckler erhob gegen eine von dem Grafen Pückler eingebrachte Ergebenheits-Depesche Einspruch, weil auf die früheren Depeschen an den Kaiser noch nie eine Antwort eingelaufen sei. Augenscheinlich erhalte der Kaiser diese Telegramme nicht. Die Absendung wurde jedoch mit großer Mehrheit beschloffen, nachdem Graf Pückler unter Bezugnahme auf seinen älteren Bruder, den Hofmarschall Grafen Pückler, die Versicherung abgegeben hatte, der Kaiser nehme von jedem Telegramm Kenntniß. Die Nichtbeantwortung der antisemitischen Telegramme erhält dadurch erst eine bemerkenswerthe Bedeutung! Auch die publizistischen Helfershelfer der Herren Bruhn und Graf Pückler fühlen sich durch die neuerliche erhöhte Wachsamkeit der Behörden bedroht. Die ultramontane Germania theilte selbst mit, daß gegen ihre Redaktion wegen der in den Nummern 122 und 127 veröffentlichten Artikel über den Konitzer Mord seitens deS Oberstaatsanwalts Wulff in Marienwerder Strafantrag gestellt worden sei. Die bekanntlich an sehr milde Beurtheilung ihrer heftigsten Ausfälle gewöhnte „Deutsche Wacht" berichtete mit unverkennbarer Verwunderung, daß zur Zeit auch gegen sie einige Prozeffe schweben, welche sie in der ihr eigenthümlichen geschmackvollen Ausdrucksweise auf „eine koschere Mobilmachung" zurückführt. Daß diesen antisemitischen Rufern zum Streit vor den Gesetzen und den behördlichen Organen einmal Respekt beigebracht wird, liegt aber doch wahrlich nicht nur im Jntereffe der jüdischen Bürger Deutschlands, sondern aller Staatsbürger, die sich nicht nach chinesischen Zuständen sehnen! Wo Graf Pückler öffentlich austritt, verhöhnt er seine Amtsvorsteher-Entsetzung und seine wiederholten Freisprechungen, obgleich diese nur wegen der Annahme seiner angeblichen Unzurechnungsfähigkeit erfolgten. Da der Staatsanwalt den Grafen Pückler neuerdings trotz dieser Freisprechungen wegen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.