Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 8 (August 1900)
- Article
- Die Kundgebung jüdischer Studenten
- Date
- 1900-08-01
- Page
- 380 (sequence 4)
- Language
- German
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880 3m deutschen Reich. doch nur dann im Munde führen, wenn man irgend welche Anhaltspunkte für einen begründeten Verdacht hat. Nun ist durch die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" und durch die „Berliner Korrespondenz" bezüglich des Konitzer Falles klar ausgesprochen, daß, selbst die theoretische Möglichkeit eines Ritualmordes vorausgesetzt, sich aus der Untersuchung keinerlei Anhaltspunkte für denselben ergeben haben." Der Verfaffer des schneidigen Artikels fordert das süddeutsche Blatt auf, irgend welche Thatsachen anzugeben, welche es berechtigen könnten, Redewendungen zu.gebrauchen, mit welchen es in der gegenwärtigen Zeit eine schwere Verantwortung übernehme. Er fährt dannn fort: „Wenn das Blatt sich auf die feit Jahrhunderten im Volke wurzelnde Anschauung berufen sollte, weiß die „Münchener Allgemeine Zeitung" nicht, daß bereits die ersten Christen seitens der Heiden eines solchen Blutaberglaubens verdächtigt worden sind, und daß der religiöse und nationaleHaß heute in China.das Volk gegen die Christen mit solchen Verdächtigungen aufzureizen sucht? Mit demselben Rechte könnte man ja auch dort aus der „herrschenden Volksmeinung" Anhaltspunkte für die „ M ö g l i ch k e i t" des christlichen Blutaberglaubens folgern. Aber auch vom rein kriminalistischen Gesichtspunkt aus ist es im höchsten Grade gefährlich, solchen unbegründeten Verdächtigungen Nahrung zu geben. Bereits in der offiziösen Erklärung war darauf hingewiesen, wie sehr die Verfolgung der Spur des Mordes in Könitz dadurch erschwert worden sei, daß durch die vorgefaßte Meinung der Bevölkerung die Phantasie der Zeugen von vornherein in eine bestimmte Richtung gedrängt und von anderer: Spuren ab gelenkt worden war. Das süddeutsche Blatt sollte, ehe es solche Redewendungen gebraucht, sich ernstlich vergegenwärtigen, welche schweren Gefahren e§ durch derartige Aussprüche gerade in seinen Spalten heraufbeschwört für eine geordnete Strafrechtspflege und für den inneren Frieden unseres Volkes. Angesichts der Haltung des Münchener Blattes werden wir recht lebhaft an das Wort des Ministerpräsidenten Andrassy erinnert, daß das Traurigste bei der antisemitischen Agitation nicht etwa die