Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-06-01
- Page
- 340 (sequence 16)
- Language
- German
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340 Im deutschen Reich. einzuimpfen. Tatsächlich gab sich unter den Hörern der Budapester Universität bereits eine Bewegung kund, die einen feindseligen, klerikalantisemitischen Charakter trug, weil plötzlich die Behauptung verbreitet wurde, Juden seien die Urheber der Zertrümmerung einiger Kreuze auf den das Universitätsgebäude schmückenden Kronen gewesen. Die meisten ungarischen Blätter traten aber kräftig gegen die Bewegung auf, welche ihren bedrohlichen Charakter verlor,- nachdem der Bildhauer Nay auf der Polizei zu Protokoll gegeben hatte, daß aller Wahrscheinlichkeit nach die nur aus GipS gefertigten Kreuze bei der erfolgten Reinigung der Kronen durch die Anstreicher oder auch durch die Ungeschicklichkeit der weiblichen Hilfskräfte derselben zerbrochen worden seien. Einen nachhaltigen Eindruck konnten die Verbreiter des judenfeindlichen Gerüchts schon deshalb nicht erzielen, weil nur die niedere Geistlichkeit in Ungarn unduldsamen Regungen zugänglich ist, die Kirchenfürsten aber durchweg sich stets als hochgesinnte vorurtheilsfreie Männer erweisen. In Frankreich liegen in dieser Beziehung die Dinge weit ungünstiger, weil dort der Klerikalismus die antisemitische Strömung benutzt, um den Freistaat, welcher die Gleichberechtigung aller Staatsbürger ' auf die Trikolore geschrieben hat, in eine klerikale katholische Republik umzuwandeln. Dort richten sich die Angriffe der sogenannten Antisemiten nicht etwa nur gegen das etwa nur 80 000 Seelen zählende kleine Häuflein der in Frankreich lebenden Juden, sondern mit ganz derselben Schärfe gegen die Protestanten und besonders gegen die Freimaurer, welche man, wiewohl vielfach sicher mit Unrecht, zu den Freidenkern zählt. Darüber kann sich gewiß niemand täuschen, wer eines der in Paris verbreiteten 25 Boulevard- Blätter oder irgend eines der sogenannten „Croix"-Blätter liest, von denen die meisten von den klerikalen „Assumptionisten" gespeist werden sollen, welche über fabelhafte Geldmittel verfügen. Die Tendenz dieser Blätter ist mindestens ebenso antiprotestantisch, wie sie antisemitisch ist; alle diese Organe stehen fast auf demselben Standpunkt wie das Blatt Drumont's „lübre parole", in dessen Leitartikel „L’obstrnction“ sich am 21. Mai folgende Sätze fanden: „Llais en somme la qnerelle se reduit ä un dßbat entre cyniques juifs et tartufes Protestant s. Entre les deux le coeur balance v6ritablement, car le fait est qu'il ne sait de qnel cöte se d^eharger.“ — „Schließlich reduziert sich der Streit auf ein Wortgefecht zwischen cynischen Juden und Heuchlerischen Protestanten. Zwischen beiden schwankt wahrhaftig das Herz, denn eS weiß in der That nicht, nach welcher Seite hin es sich entladen soll!" — Bis jetzt