Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-06-01
- Page
- 339 (sequence 15)
- Language
- German
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Umschau. 339 erste Staatsanwalt von Pisek Dr. Majovsky; die Verteidigung Hülsner's führt wieder Dr. Zdenko Aurednicek. Daß die Antisemiten der Verhandlung offenbar mit sehr gemischten Gefühlen entgegen sehen, beweist eine nicht weniger als 13 Fragen enthaltende Interpellation, welche von dem Profeffor Joseph Schlesinger und Genoffen im Hause der österreichischen Abgeordneten ar. den Justizminister gerichtet wurde und insbesondere darauf Gewicht legte, daß bei der neuen Verhandlung in Pisek der antisemitischen Presse der volle Zutritt gewährt werde. Hier tritt die Absicht, die neue Verhandlung durch Schneider, Vergani und Genoffen zu beeinfluffen, ganz offen zu Tage. Wie weit es der mit cynischer Offenheit betriebene antisemitische Terrorismus gebracht hat, ließ sich bei den letzten Wahlen zum Wiener Gemeinderath genau beobachten. Ueber den Sieg, den die Partei Lueger's mittelst eines zu diesem Zweck zurechtgemachten Wahlsystems errungen hat, schrieb die Wiener „Neue Freie Perffe": „So schamlos ist in einem Kulturstaate niemals das Recht gebeugt, jeder politische Anstand verletzt, das Gesetz mit Füßen getreten worden. Stimmen sind für Wähler abgegeben worden, die nachweisbar längst gestorben sind. Festgestellt wurde, daß einzelne Wähler zweimal gestimmt haben. Wähler, die schon lange nicht mehr in Wien wohnen, waren dennoch im Besitze von Legitimationen und wurden zur Wahl zugelassen. Durch unerhörten Mißbrauck, durch die Verwegenheit einer Partei, der ein Freibrief ausgestellt wurde und deren Gewaltthätigkeit von niemand gezügelt wird, ist dieser Sieg erfochten worden, im Widerspruche mit der öffentlichen Stimmung, ein Sieg, der zugleich ein Schlag gegen die Wahrheit ist. Es hieße, Wien beleidigen, in diesen Wahlen ein Symptom der wirklichen Gesinnung des. Volkes erkennen zu wollen." In Ungarn leben im Allgemeinen die Bekenner der verschiedensten Religionen in Eintracht zusammen. Als kürzlich eine Nachbargemeinde von Budapest, Erzsebetfalva, fürKirchenbauten Geld brauchte, wurde bei Feststellung des Planes für die Ausgabe von .'-Urchenbauloosen ausdrücklich erklärt, daß für den Reingewinn eine römisch-katholische, eine lutherische, eine kalvinische Kirche und ein israelitischer Tempel gebaut werden solle. So wie das auf diese Weise beschaffte Geld gemeinschaftlich seinem Zwecke zugeführt wird, so geschieht auch die Beschaffung desselben gemeinschaftlich. Die Denkschrift ist von den Vorständen aller vier Religionsgenoffenschaften unterschrieben. Trotz dieses fteundlichen Verhältniffes ist doch auch neuerdings in Ungarn der Versuch gemacht worden, durch eine dreiste Erfindung das antisemitische Gift der akademischen Jugend