Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-06-01
- Page
- 338 (sequence 14)
- Language
- German
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338 Im deutschen Reich. der ohnehin aufgeregten Stadt an einem Sonntage und in der Zulassung der Be t h e i li g u n g des ganzen Gymnasiums einer der schwersten Vorwürfe für die Konitzer Behörden liegt. So sehr das Schicksal des Gymnasiasten Winter zu bedauern ist und so fluchwürdig das Verbrechen ist, dem er erlag, so ist es doch lediglich sein Lebenswandel gewesen, der ihn diesem Verhängniß entgegengeführt hat, und da erscheint die Betheiligung des gesammten Gymnasiums an seiner Beerdigung weder vom pädagogischen noch vom allgemein sittlichen Standpunkt aus gerechtfertigt. Es bleibt in vorliegendem Falle doppelt dringend zu wünschen, daß der Thäter, wer und was er auch sein möge, der gerechten Strafe nicht entgehe, die Annahme, daß es sich um einen A!t, sei es der Eifersucht, sei es der Rache, gehandelt habe, liegt nahe genug. Aber bis Beweise nach dieser Richtung hin erbracht sind, ist es für die Behörden sowohl wie für alle im öffentlichen Leben stehenden Persönlichkeiten Pflicht, durch ihr Verhalten jegliche Parteinahme und jede Beeinflussung des Rechtes und des Rechtsweges, auch in der öffentlichen Meinung, zu vermeiden." Manche im öffentlichen Leben stehenden deutschen Männer würden diese Pflicht nicht verletzt haben, wenn nicht vorher österreichischen antisemitischen Agitatoren gestattet worden wäre, ihre rednerische Verwerthung des traurigen Kuttenberger Prozesses auch auf deutschem Boden fortzusetzen und wenn nicht die Artikel der selbst in Oesterreich wegen ihres straffälligen Inhalts beschlagnahmten Nummern der verrufensten Wiener Hetzblätter von der ihnen geistesverwandten deutschen Presse hätten ungeahndet abgedruckt werden dürfen. Die Konitzer Hetzarbeit ist eine aller Originalität entbehrende Nachahmung dessen, was die Leiter des Wiener Volksblattes, Schneider und Vergani, in Polna zu Stande gebracht haben. Sogar bei dem Aussuchen eines wegen seiner moralischen Verkommenheit leicht zu verdächtigenden jüdischen Werkzeuges haben die westpreußischen Schüler sich genau an das Muster der Wiener Meister gehalten. Hoffentlich wird aber die Vorsehung das Werk der Bosheit diesseits und jenseits der schwarzgelben Grenzpfähle zuletzt scheitern lassen. Die neue Verhandlung gegen Leopold Hülsner, welche am 12. Juli vor dem Kreisgericht Pisek unter dem Vorsitze des Dr. Ottokar Winter beginnt, wird zwar auf Grund der Kuttenberger Anklageschrift geführt, aber der Untersuchungsrichter, Gerichtssekretär Dr. Glossauer, hat in Polna, wo er im April d. I. längere Zeit weilte, sowie in Klein-Wisnitz, dem Heimathsorte der Hruza, neues Zeugenmaterial zu Tage gefördert. Die Anklage vertritt der