Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-06-01
- Page
- 335 (sequence 11)
- Language
- German
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Umschau. 335 moralisch in einer Weise geschädigt, welche in ihren Folgen ganz unberechenbar ist. Wenn die Zügellosigkeit, Pöbelwahn und die Auflehnung gegen Gesetz und Ordnung erst wachgerufen sind, lassen sich die bösen Geister so leicht nicht wieder bannen. Die Regierung hat den Ernst der Konitzer Vorgänge vollständig erfaßt und den festen Willen gezeigt, weiterem Unheil vorzubeugen. In einer an anderer Stelle wörtlich wiedergegebenen Auslastung hat sie ihre Stellung denen gegenüber gekennzeichnet, welche den mittelalterlichen Höllenspuk des Ritualmordmärchens dazu benutzten, um eine sonst gutgesinnte Bevölkerung zu den abscheulichsten Ausschreitungen aufzureizen. Das auf Grund des § 10 II 17 des Allgem. Landrechts vom Berliner Polizeipräsidium erlassene Verbot einer in der Tonhalle anberaumten antisemitischen Versammlung zeigte, daß die Regierungsbehörden nicht davor zurückschrecken, die verkappten Anarchisten genau so zu behandeln, wie die offenkundigen Umstürzler. Die-Ankündigung der antisemitischen Presse, daß die Konitzer Angelegenheit voraussichtlich das Abgeordnetenhaus beschäftigen werde, konnte weder auf die Verwaltungsbehörden, noch auf die richterlichen Behörden einen erschütternden Eindruck machen. Die „Berliner Neueste Nachrichten" bemerkten dazu, eS könne nur als erwünscht bezeichnet werden, wenn von einer für das ganze Land vernehmbaren Stelle aus dem Minister des Innern Gelegenheit gegeben würde, sowohl den ernsten Willen der Regierung auszusprechen, für die Aufklärung des Verbrechens zu wirken, als auch mit voller Entschiedenheit dem Gerücht entgegenzutreten, daß es sich um einen Ritualmord oder dergleichen handelt. Wenn sich künftig die Folgen der antisemitischen Volksaufwiegelungen im ganzen Konitzer Kreise zeigen werden, dann mögen die konservativen Männer, die früher in diesem Kreise einen so überwiegenden Einfluß besaßen, der Thatsache eingedenk sein, daß auch die Leiter einzelner konservativen Blatter sich durch den dümmsten Judenhaß verleiten ließen, bei Gelegenheit der Konitzer Affäre mit den „GeschLftsantisemiten" sich so zu verbrüdern, daß sie durch ihre pseudo-konservativen Artikel nicht nur die Judenhetze, sondern auch die Anarchie mächtig förderten. Insbesondere darf die konservative „Danziger Allg. Zeitung" den traurigen Ruhm beanspruchen, dabei Hervorragendes geleistet zu haben; so hat sie neuerdings, um Ersatz für den bereits allzu verbrauchten Ritualmord-Unsinn zu schaffen, das Schlagwort von dem „jüdischen sanktioniertenSühnemord" aufgebracht und durch eine angebliche Zuschrift eines bisher unbekannt gebliebenen Strafanstaltsgeistlichen allen Blattern mund-