Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-06-01
- Page
- 334 (sequence 10)
- Language
- German
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334 3tn deutschen Reich. Bewegung zum Aeußersten gebracht haben. Am Sonntag, den 10. Juni, fand ein förmlich organisierter Aufruhr in Könitz statt, über dessen Verlauf die „Danziger Ztg." folgenden Bericht eines Augenzeugen veröffentlichte: „Schon vom frühen Morgen kamen Schaaren und Schaaren an, in der einen Hand das Gebetbuch, in der andern Knüppel tragend. Uns ahnte Schreckliches; wi. merkten, es seien bestellte Radaumacher. Um 11 Uhr begann der Tanz. Tausende hatten auf dem Marktplatz stch angesammelt, sie verlangten die Freilasiung des Arbeiters Maslow und seiner Schwiegermutter, der Roß. Der Bürgermeister wurde umringt und bestürmt; nur mit Mühe konnte er sich in das Rathhaus flüchten. Die Menge wuchs riesengroß; der Landrath suchte zu besänftigen. Die Gensdarmen und Polizei gingen mit gezücktem Säbel vor. Fenster klirrten an allen Ecken. Kriminalkommissar 'Wehn wurde zur Erde geschleudert, der städtische Polizeikommissar Block verwundet, und zwar nicht leicht. Blinder Feuerlärm sollte die Massen ablenken, nichts, half. Das Lewy'sche Haus ist demoliert. Der Tempel gleicht einer ' Ruine, innen ist alles zerstört, die Gebetmäntel zerrisien, die Bücher in Fetzen, alles zertrümmert. Wären die Soldaten nicht gekommen, hätte man uns des Nachts aus den Betten geholt, so war es projektiert. Vielleicht gelingt es zu ermitteln, wer die organisierte Bande vom Lande hereinbesorgt hat." Wie der „National-Ztg." aus Könitz mitgetheilt wurde, hatte man dort beobachtet, daß Radfahrer nach den umliegenden Ortschaften gefahren waren, um die Landbevölkerung anzufeuern, welche am Morgen des 10. Juni schaarenweife herbeieilte. Als der Aufruhr am Schlimmsten tobte, wurde nach Graudenz um militärische Hilfe telegraphiert, die Abends gegen 1I210 Uhr in Könitz einrückte. Das Militär mußte mit aufgepflanztem Seitengewehr scharf vorgehen, um die Straßen freizumachen. Einige leichte Verletzungen sind dabei vorgekommen. Um 12 Uhr Nachts hatte das Militär sämmtliche Straßenkreuzungen besetzt, die Kompagnie stand dann auf dem Markte zum Einschreiten bereit. Am 11. d. Mts. traf das erste Bataillon des 14. Regiments aus Graudenz in Könitz ein. Der Magistrat machte bekannt, daß das Bataillon auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers eingerückt sei und die Stadt nicht wieder früher verlaßen dürfe, als bis die vollsten Garantien für Aufrechterhaltung der Ordnung gegeben werden. Die Kosten für den Unterhalt der Truppen habe nach Allerhöchstem Be f eh l die Stadtgemeinde zu tragen. Die antisemitischen Volksbeglücker haben aber die Stadtgrmeind« durch die Aufwiegelung der Massen nicht nur finanziell, sondern auch