Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-06-01
- Page
- 332 (sequence 8)
- Language
- German
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332 3m deutschen Reich. als einen beachtenswerthen Zeugen jenen Arbeiter Maslow bezeichn eten, der sich selbst eines Fleischdiebstahls im Hause des jüdischen Fleischers Adolph Lewy bezichtigte, um letzteren gleichzeitig als Mörder Winter's zu denunzieren. Die Untersuchungsbehörde ließ sich dadurch nicht täuschen; die Verdachtsgründe gegen Lewy waren so schwache, daß sie nicht einmal zu einer zeitweiligen Verhaftung des jüdischen Fleischers Anlaß boten, während Maslow ebenso wie seine ebenfalls als Zeugin aufgebotene Schwiegermutter unter der Anklage des Meineids verhaftet worden sind. Das gleiche Schicksal hatte vorübergehend eine Frau Rielinger, welche bekundete, sie habe am Morgen des 12. März denSohn des Fleischermeisters Lewy ohne Kopfbedeckung in auffälliger Weise an der Uferstelle des Mönchsees gesehen, wo nachher Leichentheile des Ernst Winter gesunden wurden. Mit welcher Leichtfertigkeit in Könitz gravierende Gerüchte verbreitet wurden, dafür zeugte das Beispiel: Bei dem verdächtigten Fleischermeister Lewy sollte ein mit 20 000 Mark deklarierter „Geldbrief" eingegangen sein. Die Thatsache war richtig. Da aber Lewy einen derartigen Betrag nicht zu erwarten hatte, der Geldbrief überdies mit 4 Mk. Porto belastet war, ließ er vorsichtigerweise den Geldbrief in Gegenwart mehrerer Beamten öffnen; dieselben fanden nur — Papierschnitzel. Ernstere Verdachtsgründe als gegen den jüdischen Fleischer Lewy lagen aber gegen den christlichen Fleischer H offmann vor, mit dem der Untersuchungsrichter ein mehrstündiges peinliches Verhör vorzunehmen sich veranlaßt sah. Dies führte zu der Annahme, daß Hoffmann und seine Tochter verhaftet worden seien, und nun reizten die den Erfolg ihrer Agitation bedroht sehenden antisemitischen Agitatoren die Menge durch die Behauptung auf, daß die Behörden im Dienste der Juden die Entdeckung deS wirklichen Thäters zu Hintertreiben versuchten. Trotzdem Hoffmann bereits wieder entlassen war, nahm von Stunde zu Stunde am Abend jenes Tages die Erregung der nach Tausenden zählenden Menschenmaffen zu; auch die Hinterseite des Hoffmann'schen Hauses war von einer erregten Menge belagert, in der Absicht, eine etwaige Verhaftung und Fortführung des FleischermeisterS Hoffmann durch die Hinterthür zu verhindern. Gegen 1 Uhr Nachts, zu welcher Zeit sich die Menge zwar schon vermindert hatte, begann ein Steinbombardement auf die Fenster der von jüdischen Familien bewohnten Wohnungen in der Danziger Straße. Nunmehr marschierten die Gensdarmerie und Polizei in Abtheilungen von sechs bis acht Mann im Geschwindschritt die Straße auf und nieder, alles vor sich hertreibend und jede Kundgebung im Keime erstickend. Während das aus Graudenz herbeigerufene Militär in Könitz stationiert