Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1900)
- Article
- [Ohne Titel] / A. L.
- Date
- 1900-06-01
- Page
- 331 (sequence 7)
- Language
- German
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Umschau. 3SX Das im März d. I. in Könitz verübte Verbrechen erregte mehr Aufsehen wegen der Zerstückelung und Beseitigung der Leiche Winter's als wegen der That selbst, denn allem Anschein nach ist dieselbe garnicht auf einen vorbedachten und vorbereiteten Mord, sondern auf einen Todtschlag im Affekt zurückzusühren. Die Untersuchung scheint anfangs von den lokalen Behörden mit unzureichenden Mitteln geführt worden zu sein; sie wurde jedenfalls dadurch sehr erschwert, daß die antisemitische Preffe sich des Falls bemächtigte, um parteipolitische und finanziell-spekulative Geschäfte zu machen. Sie verfuhr dabei genau nach dem Vorbild der niedrigsten Wiener Skandalpreffe, deren Leiter im Polnaer Fall ein förmliches privates Nebengericht besoldete, welches im Stile mittelalterlicher Hexenprozeffe Ermittelungen, Verhöre und Gutachten fabrizierte und durch Auffrischung uralter Ritualmordlügen schwachsinnige, urtheilslose Leute beredete, Aussagen zu machen, deren Unwahrscheinlichkeit jedem denkenden Menschen sofort auffallen mußte. Trotzdem beklagte sich die „Staatsbürger-Ztg." darüber, daß auch von anderer privater. Seite über die Vorkommnisse in Könitz Forschungen angestellt wurden. Ihre Behauptung, daß einer dieser Sendboten gleichzeitig von der Berliner Polizeibehörde als Vigilant benutzt worden sei, zog ihr aber eine Berichtigung zu, in welcher der Polizeipräsident v o n Wind he im feststellte, es sei nicht wahr: a) daß Rauch in der Untersuchung gegen den Faktor Grünenthal von dem Kriminalkommiffar v. Bäckmann als Vigilant benutzt worden ist; d) daß Rauch in der Untersuchung gegen den Schneider Guthmann den Kriminalbeamten Vigilantendienste geleistet habe; e) daß Rauch neuerdings mit der politischen Polizei in Fühlung getreten fei; ä) endlich, daß Rauch von den in Könitz beschäftigten Berliner Kriminalbeamten als Vigilant benutzt worden sei oder mit denselben Verkehr unterhalten habe. — Die Behörden hatten gewiegte Kriminalisten mit der Aufgabe betraut, die Untersuchung mit größter Energie zu betreiben, mir einer Aufgabe, von deren Größe man einen Begriff bekommt, wenn man erwägt, daß die Behörden etwa 400 anonyme Denunziationen, maffenhafte Vernehmungen und etwa 80 Haussuchungen zu bewältigen hatten. Ein judenfeindliches Blatt, die „Tägliche Rundschau", war unbefangen genug, die von der „Staatsbürger-Ztg." nach Könitz entsandten Herren Bruhn und Paul Werner welche sich förmlich als Untersuchungsausschuß dort etabliert, verschiedene Zeugen zu „eidesstattlichen Versicherungen" veranlaßt und diese den Behörden unterbreitet hatten, als „Franctireurs der Kriminalpolizei" zu bezeichnen und ihr trauriges Handwerk bitter zu tadeln. Diese waren es, welche wiederholt