Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1900)
- Article
- Zweierlei Maße
- Date
- 1900-06-01
- Page
- 317 (sequence 3)
- Language
- German
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Zweierlei Maße. 317 sie zeigt uns, daß alle humanen Verfassungen und alle guten Gesetze machtlos sind, solange die Völker sich nicht zur innern Erkenntniß der menschlichen Idee hinaufgeschwungen haben, solange der Gedanke der Freiheit ihnen nicht in Fleisch und Blut übergegangen ist. Dieser wahre Fortschritt der ethischen Kultur aber geht sehr langsam vor sich. Ja, er macht es oft wie die Wallfahrer auf dem Passionswege: er geht zwei Schritte vorwärts und einen rückwärts. Manchmal dreht er sich ganz im Kreise, daß wir seinen Lauf überhaupt nicht im voraus sagen können. Wehmüthig betrachtet der Kulturhistoriker diese Dinge, aber die Natur ist eben nicht semtimental. Man muß die Thatsachen hinnehmen, wie sie einmal sind. An dieses Symptom einer kranken Zeit wird man immer wieder erinnert, wenn man die Haltung der sogenannten anständigen, vornehmen Presse gegen die Juden beobachtet. Ich spreche nicht von den konservativen Zeitungen, die bemfsmäßig antisemitisch angehaucht sein müssen und die der Judenhetze als Würze bedürfen, um ihre fade Suppe etwas pikanter zu gestalten. Aber ich könnte viele „liberale" Blätter nennen, die es energisch von sich weisen würden, zu den Antisemiten gezählt zu werden, und die dennoch die Begriffe jüdisch und deutsch als konträre Gegensätze betrachten. Ja, sie gebrauchen oft das kleinliche Mittel des großen Bismarck und wenn sie etwas verdächtigen wollen, so bezeichnen sie es als „jüdisch". Dabei sind ihre hervorragendsten Mitarbeiter oft Juden. Sollte ich noch die Taktik der Centrumspresse erwähnen? Man kennt ihre Gehässigkeit, und wir haben es jetzt bei der lex Heinze wieder erfahren müssen, daß sie fast uni sono gegen Juden und Judenthum wüthete, weil auch einige Juden in der gewaltigen Protestbewegung eine Rolle spielten. Als wenn der jüdische Bürger, der vom Geiste der Finsterniß am meisten bedroht ist, nicht das Recht hätte, modern zu denken und sich für alles Hohe und Schöne zu begeistern. Und doch wären wir logisch und ethisch berechtigt, gerade von den Katholiken Toleranz und Verständniß für dar Judenthum zu erwarten. Denn auch sie sind in Deutschland in der Minorität, und auch sie litten viel unter der Macht der Vorurtheils. Wie man fortwährend um Parität kämpfen und dabei auf Juden schmähen kann, diesen inneren Widerspruch vermag mir die Psychologie, die in alle Jrrgänge des menschlichen Herzens eindringt. zu erklären.