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Im deutschen Reich · 1900-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1900) · p. 316

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Journal
Im deutschen Reich
Volume
6 (1900)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1900)
Article
Zweierlei Maße
Date
1900-06-01
Page
316 (sequence 2)
Language
German
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316 3m deutschen Reich. Natürlich! Keine Gruppe hat das Privilegium, nur gute Elemente zu besitzen. Selbstredend! Am Anfang des XX. Jahrhunderts kann es mitten in Europa keineReligonsgefellschaft geben, die gefährliche Mysterien hat. Nein doch, nein! Staat und Gesellschaft können und dürfen ihre Rechte nicht vom Aussehen oder von der Blutmischung der Bürger abhängig machen. Mein Herr, Sie ermüden mich mit Ihren ewigen Trivialitäten. Und die Juden? Hm .... ja, die Juden? das ist etwas anderes. Diese Erfahrung kann man täglich machen. Unlängst unterhielt ich mich in einem Hotel mit einem hochbegabten Ingenieur über die brennende Frage des Tages — die lex Heinze. Er polterte und schimpfte in derber süddeutscher Manier, daß man am Anfang des XX. Jahrhunderts noch gegen diesen finstern Geist kämpfen müsse. Er sei Demokrat und hasse die altpreußischen Junker und Mucker, er streite gegen die Reaktion und schäme sich, daß solche verknöcherte Ansichten über Kunst und Literatur in unserer Volksvertretung leben. Als ein jüdischer Herr in sehr bescheidener Weise sich am Gespräch dann betheiligte, sagte er mir leise — er wußte nicht, daß ich Jude bin — er debattiere nicht gern mit Juden. Also, Liebe zur Freiheit, Drang nach Licht und Wahrheit und — Judenhaß. Man sollte glauben, daß diese Eigenschaften nicht nebeneinander wohnen können. Die einzige Erklärung für diese beschämende Erscheinung ist die Schopenhauersche Lehre, daß der Wille primär und der Intellekt sekundär ist. Die Gefühle, die auf Atavismus, Vererbung und Erziehung bemhen, sind stärker als die Vernunft, sie regieren und lenken. Und daher gehen auch sittliche und geistige Bildung selten Hand in Hand, und wir finden Menschen, die geistig hochstehen und sittlich unnormal find. Aber auch das wäre mehr eine Umschreibung der Thatsache als eine Erklärung. Z w e ierlei Maße, unbewußt gebraucht, das ist ein sittlich ungesunder Zustand. Das ist eine Betrachtung, die uns sehr traurig stimmt, denn

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