Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1900)
- Article
- Zweierlei Maße
- Date
- 1900-06-01
- Page
- 315 (sequence 1)
- Language
- German
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815 Zweierlei Maße. Von Fabius Schach in Karlsruhe i. B. ist eine psychologisch merkwürdige Erscheinung, die uns beim Studium des Antisemitismus überall entgegen - tritt: DerMangelan logischer Denkart, an normaler Schlußfolgerung. Es fehlt überall die Fähigkeit des Vergleichens, die eigentliche Quelle des geraden und gerechten Denkens. Ich spreche nicht von jenen geistig Enterbten, denen die paar auswendig gelernten Unwiffenheitsdogmen eines Ahlwardt der Inbegriff aller Bildung und aller Weisheit sind. Für diese Spezies hat man schnell die psychologische Formel gefunden: geistige Inferiorität verbunden mit bestialischen Trieben. Aber auch Leute, die sonst normal und folgerichtig denken, ja die sogar einen gewissen Grad von Vorurtheilslosigkeit besitzen, wollen nicht begreifen, daß die Normen der Logik für alle gelten müssen und, wie alle Gesetze, keine Ausnahme dulden. Sie sprechen vernünftig über alle Dinge, sobald aber die Rede von Juden oder Judenthum ist, da hört die Herrschaft der Vnnunft auf, und sie befinden sich im Nebelreiche, im Chaos der Gefühle und Instinkte. Nun haben freilich nur wenige Menschen überhaupt den Muth und die Krasteinen Gedanken konsequent auszudenken. Unsere ganze Kultur krankt ja an der Halbheit auf sittlichem und geistigem Gebiete. Aber ein gewisses Maß von Logik und Rechtsgefühl pflegt doch zu den Attributen des normalen Menschen zu gehören. Keine Religion kann für die Vergehen einzelner ihrer Angehörigen verantwortlich gemacht werden. Das versteht sich. Keine Klasse darf sich als höher betrachten, weil sie zufällig schon länger im Besitz menschlicher Rechte ist.