Im deutschen Reich
- Journal
- Im deutschen Reich
- Volume
- 6 (1900)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1900)
- Article
- Der Kampf um die Emanzipation der Juden in Deutschland
- Date
- 1900-06-01
- Page
- 303 (sequence 3)
- Language
- German
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Der Kampf um die Emanzipation der Juden in Deutschland. 303 Generation an, die, um Amt und Ehren zu erlangen, dem Väterglauben den Rücken gekehrt. Rießer, der das eigenartige Vorgehen der preußischen Regierung geißelte, meinte bitter: „Man muß gestehen, daß, wenn der Staat es sich zur Aufgabe gemacht hat, unter einer diffentierenden Religionspartei Proselyten zu werben, er eine reichere Ausbeute, als ihm die Blüthe des Talents und des Wiffens einer ganzen Generation derselben darbot, nicht finden konnte." — Um den offenen Rechtsbruch zu vernreiden, wurde endlich der § 6 des Edikts durch eine Ordre vom 28. August 1822 aufgehoben, angeblich „wegen der bei der Ausführung sich zeigenden Mißverhältniffe". (Auerbach a. a. O. S. 249.) Während in Preußen der kirchliche Pietismus in heiligem Glaubenseifer zu recht unheiligen Mitteln griff, um die Juden der Kirche zuzuführen, hatte im übrigen Deutschland das überreizte Nationalgefühl, die sogenannte Deutschthümelei, in rohen Ausbrüchen gegen Juden sich Luft gemacht. Besonders that sich die Studentenschaft in Hep-Hep- Rufen hervor und glaubte in pöbelhaften Ausschreitungen ihre nationale Gesinnung zu bekunden. Die Würzburger Studentenschaft eröffnete am 2. August 1819 den Reigen, in Bamberg, Frankfurt a. M., Darmstadt, Meiningen, Karlsruhe, Hamburg, Düsseldorf, Heidelberg wiederholten sich die Straßentumulte, und wurden zerstörende Angriffe auf jüdische Häuser gerichtet. (Grätz XI 358 ff.) Damals schrieb Börne, der ein Jahr vorher die Taufe genommen, empört: „Für die Juden — für Recht und Freiheit sollte ich sagen, aber verstünden das die Menschen, dann wäre keine Roth, ünd es bedürfte der Rede nicht", — und mit beißendem Spotte bemerkt er: „Ihr haßt die Juden, nicht weil sie es verdienen, sondern weil sie v e r d i e n e n!" Der Judenhaß steckte tief in den Gemüthern. Dies zeigte sich auch bei den Berathungen der Ständeversammlungen der verschiedenen Provinzen im Jahre 1824 und in den folgenden Jahren, welchen die Verhältnisse der Juden zur Prüfung vorgelegt wurden. Alle hatten sich für Aufhebung des freiheitlichen Edikts von 1812 ausgesprochen und Beschränkungen gefordert. Die Regierung, der Adel, die Bürgerschaft warm den Juden abhold und huldigtm, wo es die Juden betraf, rückschrittlichen Tendenzm. Dmnoch ging es vorwärts, die freiheitliche Entwicklung ließ sich nicht aufhaltm.